Das grundlegende Argument gegen Egalitarismus  Hauptseite Fazit 
Gegen
Gleichheit
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3 Die Prämissen des Arguments

Prämisse 1: V1 = V2

Warum halte ich Welt 1 und 2 für gleich gut? Nun Welt 2 hat dieselbe Durchschnittshöhe an Wohlbefinden (75) wie Welt 1, in beiden lebt dieselbe Zahl von Menschen gleich lang, beide stimmen völlig überein, und wir haben unterstellt, dass es keine anderen bewertungsrelevanten Faktoren in den zwei Welten gibt.
In Welt 1 herrscht offensichtlich Gleichheit. Was ist mit Welt 2? Nun in Welt 2 geht es Antoinette insgesamt genauso gut wie Bubba, beide erhalten in einer Lebenshälfte 100 und in der anderen 50. Sie erzielen beide im Wohlergehen eine Durchschnittshöhe von 75. Wenn man jemanden in eine Welt wie Welt 2 setzen würde, hätte er keinen vernünftigen Grund, Antoinettes Platz dem von Bubba vorzuziehen und umgekehrt. In der Sprechweise des grundlegenden Argumentes für den Egalitarismus können wir fragen: Gegenüber wem könnte Welt 2 ungerecht sein? Vielleicht lockt die Antwort: „Die ersten fünfzig Jahre über ist das Leben ungerecht gegenüber Bubba, und die letzten fünfzig Jahre über ist es gegenüber Antoinette ungerecht.“ Doch weil Antoinette und Bubba insgesamt die gleiche Menge an Gütern bekommen, fällt schwer zu verstehen, wie die Welt insgesamt gegenüber einem der beiden ungerecht sein sollte.
Mancher findet vielleicht, dass es Antoinette in Welt 2 besser hat, weil sie nicht darauf warten muss, ihren genussreichen Lebensabschnitt zu erreichen; sie entgeht damit einem Gefühl der Ungeduld, das sich aus der 50-jährigen Warterei ergibt. Andererseits finden andere vielleicht, dass es Bubba eigentlich besser hat, weil er 50 Jahre lang in freudiger Erwartung lebt, wogegen Antoinette, nachdem sie 50 geworden ist, weiß, dass es von da an nur noch bergab geht. Auf mein Beispiel trifft jedoch keines von beiden zu: Stellen Sie sich vor, dass Bubba tatsächlich keine zusätzliche Unzufriedenheit aus Ungeduld verspürt und auch kein zusätzliches Vergnügen aus freudiger Erwartung bezieht. Sowohl Antoinette als auch Bubba ist es egal, wann sie im Leben ihre Güter bekommen. Wir nehmen auch an, dass keiner von beiden irgendeinen Groll verspürt, der sich aus der ungleichen Höhe ihres Wohlbefindens ergibt. Wir unterstellen dies, um uns darauf zu konzentrieren, ob Ungleichheit wesenhaft schlecht ist, ohne dass uns belanglose Fragen ablenken. Wenn Welt 2 insgesamt weniger Glück enthält, dann ist sie offensichtlich schlechter als Welt 1, doch wäre eine Untersuchung dieses Falles nicht relevant für die Beurteilung des Egalitarismus. Entscheidend für mein Argument ist der Fall, in dem Welt 2 insgesamt denselben Betrag an Glück enthält wie Welt 1, und sich dieses nur zeitlich anders verteilt.

Prämisse 2a: V2a = V2b

Anscheinend sind die beiden Hälften von Welt 2 gleich gut, weil sie qualitativ übereinstimmen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Antoinette und Bubba die Plätze getauscht haben, von Antoinette im Glück zu Bubba im Glück. Doch weder Antoinette noch Bubba sind wichtiger als der jeweils andere, so dass diese zwei Umstände gleich gut sind.

Prämisse 2b: V3a = V3b

Anscheinend sind beide Hälften von Welt 3 gleich gut, weil sie qualitativ übereinstimmen, wobei noch nicht einmal Antoinette und Bubba die Plätze tauschen. Obschon es vielleicht einen Grund dafür gibt, Welt 3 in einer Hinsicht für schlecht zu halten, der von ihrer Ungleichheit herrührt, scheint kein Grund für die Meinung zu sprechen, die ersten 50 Jahre Ungleichheit seien in irgendeiner Weise besser oder schlechter als die späteren 50 Jahre Ungleichheit.

Prämisse 2c: V2a = V3a

Anscheinend ist die erste Hälfte von Welt 2 genauso gut wie die erste Hälfte von Welt 3, weil sie qualitativ übereinstimmen, und noch nicht einmal Antoinette und Bubba die Rollen tauschen, und noch nicht mal ein zeitlicher Unterschied besteht. Die Welten 2 und 3 weichen erst nach 50 Jahren voneinander ab, nachdem die erste Hälfte der jeweiligen Welt bereits vergangen ist. Was nach dem Jahr 50 passiert, sollte keinen Einfluss auf den Wert der ersten 50 Jahre haben; man sollte die Vergangenheit nicht nachträglich verbessern oder verschlechtern können.

Prämissen 2d, 2e: V2 = V2a + V2b; V3 = V3a + V3b

Anscheinend sollte der Wert jeder Welt die Summe der Werte ihrer Hälften sein. Ich nenne diesen Grundsatz „zeitliche Additivität“ (Wert sammelt sich über die Zeit an). Er entspricht der Intuition. Doch Vertreter des Egalitarismus bestreiten dies vielleicht, weil (a) sie Ungleichheit für wesenhaft schlecht halten, wobei (b) diese sich offensichtlich nicht im Zeitverlauf addiert (d. h. man kann nicht bestimmen, wie viel Ungleichheit die Welt enthält, indem man den Betrag der Ungleichheit jedes Zeitabschnitts addiert). Beispielsweise besteht in Welt 2 über die ersten 50 Jahre viel Ungleichheit und über die letzten 50 Jahre viel Ungleichheit; und doch herrscht in der Welt als Ganzes Gleichheit, weil die Ungleichheit der beiden Hälften der Welt sich aufhebt. Weil also Ungleichheit offensichlich nicht-additiv ist, mag man zu dem Schluss neigen, dass Wertbeträge nicht-additiv sein sollten. Man mag dann zu der Aussage neigen, dass V2 > V2a + V2b, weil Welt 2 als Ganzes einen gewissen zusätzlichen Wert erhält (über den Wert ihres ersten und zweiten Abschnitts hinaus) infolgedessen, dass in ihr Gleichheit herrscht, wogegen weder in der ersten noch in der zweiten Hälfte der Welt Gleichheit herrscht.
Es ist unklar, bei wem die Beweislast liegt. Obiges Argument gegen zeitliche Additivität setzt offensichtlich Egalitarismus voraus. Wenn sie zunächst intuitiv plausibel ist, dann lässt sich ein Argument dagegen, das mit dem Egalitarismus genau die These voraussetzt, gegen die ich einen Beweis führen will, vielleicht als Zirkelschluss bezeichnen. Andererseits würden manche sagen, dass Egalitarismus so eng mit der Nicht-Additivität verknüpft ist, dass meine Annahme temporaler Additivität ein Zirkelschluss ist.
Glücklicherweise müssen wir es nicht damit bewenden lassen. Zumindest ist klar, dass wenn ich ein unabhängiges Argument für zeitliche Additivität vorbringen kann, ein Anhänger des Egalitarismus nicht (ohne Zirkelschluss) damit fortfahren kann, sie bloß aus dem Grund abzulehnen, dass sie nicht mit dem Egalitarismus vereinbar ist. Täte er dies, würde er sich einer dogmatischen Methode verschreiben, wonach ihn kein Argument von seiner Position abbringen kann, da er schlicht die unterstellte Wahrheit seiner Position zur Zurückweisung jedweder Kritik verwenden kann.
Es gibt ein unabhängiges Argument für zeitliche Additivität: Sie zu leugnen, führt zu einer Art Paradox in der Entscheidungstheorie. Stellen Sie sich vor, dass Gott Ihnen kundtut, dass Er im Begriff ist, eine neue Welt zu erschaffen; nennen wir sie Welt 4. Diese Welt wird 100 Jahre bestehen und dabei keine Wechselwirkung mit ihrer Welt eingehen. Gott bietet Ihnen die Gelegenheit, an der Planung von Welt 4 mitzuwirken. Er hat sich schon entschieden, wie die erste Hälfte der Welt verläuft, und Er gibt Ihnen eine ausführliche Beschreibung davon. Nennen wir die erste Hälfte dieser Welt Teil I. Gott erklärt Ihnen anschließend, dass die zweite Hälfte der Welt eine von zwei Ausprägungen haben wird, die Er ebenfalls ausführlich beschreibt – nennen wir sie Teil IIa und Teil IIb. Zum Abschluss nehmen wir an, dass Sie wissen, dass Teil IIa besser als Teil IIb ist, doch wegen der Nicht-Additivität von Wertbeträgen die Kombination von Teil I mit Teil IIa schlechter ist als die Kombination von Teil I mit Teil IIb. Mit anderen Worten wäre die zweite Hälfte der Welt besser, wenn Gott Teil IIa erschüfe, doch die Welt als Ganzes wäre schlechter. Ohne zeitliche Additivität ist all dies möglich. Nehmen wir jetzt an, Gott fragt Sie: „Was soll ich Deiner Meinung nach erschaffen: Teil I & Teil IIa oder Teil I & Teil IIb?“
Angenommen Sie sind wohlwollend und wollen nur das Beste tun, also die Möglichkeit mit den besten Konsequenzen wählen. Sie sagen also: „Gott, erschaffe Welt 4 mit Teil I & Teil IIb, weil auf diese Weise die Welt insgesamt besser wird.“ Gott billigt das und verschwindet anschließend.
Nach 50 Jahren erscheint Gott erneut und schildert die Lage: Welt 4 bestehe nun seit 50 Jahren und alles verlaufe nach Plan. Teil I der Welt laufe soeben ab, und Teil II gehe gleich los. Er sagt: „Übrigens, ich wollte nur nochmal sichergehen, ob du bei deiner früheren Entscheidung bleibst: Meinst du immer noch, ich soll Teil IIb anlaufen lassen, oder überlegst du es dir nochmal und bist stattdessen für Teil IIa?“ Sie denken über diese jüngste Frage nach. Ihnen wird klar, dass Sie, nachdem die erste Hälfte der Welt schon abgelaufen ist, nichts tun können, um diese zu beeinflussen. Alles was Sie beeinflussen können, ist, wie gut die nächsten 50 Jahre von Welt 4 werden. Also sagen sie, da sie immer noch wohlwollend sind und nur tun wollen, was zu den besten Konsequenzen führt: „Weißt du was, Gott, ich habe es mir anders überlegt: Erschaffe Teil IIa!“
In beiden Fällen haben Sie sich richtig entschieden: Als Gott Sie das erste Mal befragt hat, mussten Sie zwischen (Teil I + Teil IIa) und (Teil I + Teil IIb) wählen. Es war vernünftig und richtig von Ihnen (Teil I + Teil IIb) zu wählen, weil es sich um die bessere Wahl handelte. Doch als Gott abermals auf Sie zutrat, mussten Sie zwischen Teil IIa und Teil IIb entscheiden. Es war vernünftig und richtig von Ihnen Teil IIa zu wählen, weil es sich um die bessere Wahl handelte (Abbildung 2↓).
Abbildung entscheidung.png
Abbildung 2 paradoxe Entscheidungen
Dies ist paradox. Eine Wahl zwischen (Teil I + Teil IIa) und (Teil I + Teil IIb) sollte der Wahl zwischen Teil IIa und Teil IIb entsprechen, vorausgesetzt dass Teil I geschehen ist. Wenn Sie eine vernünftige und richtige Entscheidung treffen, und keine neuen Informationen auftauchen, also nichts passiert, von dem Sie nicht schon wussten, dass es geschehen würde, dann ergibt es keinen Sinn, dass Sie Ihre Meinung ändern sollten. (Stellen Sie sich vor, dass jemand Sie fragt: „Falls es regnen sollte, wollen Sie dann einen Regenschirm?“ und Sie antworten: „Ja.“ Als es später anfängt zu regnen, sagt er: „Sie wollen jetzt sicher den Regenschirm haben, stimmt’s?“ und Sie antworten: „Nein.“ Hier erscheint etwas ungereimt.) Doch derlei Dinge können geschehen, wenn man zeitliche Additivität bestreitet. Wir können dem Paradox aus dem Weg gehen, indem wir akzeptieren, dass Wertbeträge sich im Zeitverlauf addieren.
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