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Lob der Untätigkeit
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5 Fazit

Nach gängiger Vorstellung haben jene unser Lob verdient, die sich in die Politik einbringen, an demokratischen Abstimmungen teilnehmen, für ein Anliegen kämpfen, an das sie glauben, und versuchen, die Welt zu verbessern. Wir neigen zu der Annahme, dass solche Menschen von hohen Idealen getrieben werden, und dass wenn sie die Welt verändern, dies normalerweise zum Besseren hin geschieht.
Die klaren Belege menschlicher Unwissenheit und Unvernunft in der politischen Arena bringen die gängige Vorstellung ins Wanken. Ohne Kenntnis grundlegender Sachverhalte des politischen Systems, geschweige denn von differenzierterem Wissen, welches Voraussetzung für eine zuverlässige Lösung umstrittener politischer Fragen wäre, können die meisten Bürger nicht mehr tun als raten, wenn sie die Wahlkabine betreten. Der Versuch, staatliche Maßnahmen anhand solch willkürlicher Raterei zu beeinflussen, ist bei weitem keine Bürgerpflicht sondern ungerecht und gesellschaftlich unverantwortlich. Wir haben auch keinen Grund zu glauben, dass politische Aktivisten und Spitzenpolitiker in umstrittenen Fragen sicherer zu korrekten Auffassungen gelangen; jene, die politisch am stärksten engagiert sind, sind oft auch ideologisch am stärksten voreingenommen, weswegen sie für die richtigen politischen Antworten vielleicht sogar eher blind sind als der Durchschnittsbürger. Deshalb handeln politische Aktivisten und Spitzenpolitiker in den meisten Fällen unverantwortlich und unberechtigt, wenn sie versuchen, ihre Lösungen zu gesellschaftlichen Problemen der übrigen Gesellschaft aufs Auge zu drücken.
Das vielleicht drastischste Beispiel gibt Karl Marx ab, der bekanntlich den Kommentar abgab: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.“[24] Marx’ größtes Vermächtnis besteht in der praktischen Vorführung über die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, welche Folgen es hat, eine Welt zu verändern, die man nicht versteht. An dieser Stelle kann nicht im Detail auf seine Verkennungen eingegangen werden, welche andere in aller Ausführlichkeit besprochen haben. Belassen wir es dabei, dass trotz der Sorgfalt mit der weltweit Generationen Intellektueller seine Werke studiert haben, Karl Marx’ Verständnis vom Menschen und der Gesellschaft äußerst begrenzt war.[13] [13] Siehe Mises 1981 für eine eingehende Kritik an Marxismus und Sozialismus. Sein Einfluss auf die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts war jedoch ohne Gleichen und – wie die meisten Beobachter es heute sehen – geradezu unvorstellbar bösartig.[14] [14] Courtois et al. (1999) dokumentieren die erschütternden Gräuel marxistischer Regime im zwanzigsten Jahrhundert. Das kommt nicht von ungefähr. Wenn man keine genaue und tiefe Kenntnis eines komplexen Systems hat, wird jeder Versuch, es radikal zu verbessern, eher die gut funktionierenden Abläufe stören, als seine Unstimmigkeiten beheben. Marx’ Misserfolg beim Verbessern der Gesellschaft sollte ungefähr so überraschen wie der Misserfolg von George Washingtons Ärzten bei der Behandlung seiner Infektion durch Aderlassen. [26]
Vielleicht gelingt es den Menschen eines Tages, ein wissenschaftliches Verständnis der Gesellschaft zu erlangen, welches mit dem modernen wissenschaftlichen Verständnis der meisten Aspekte der Natur vergleichbar ist. Wenn es soweit ist, zeichnen sich vielleicht Wege für den Umbau der Gesellschaft zum Wohle aller ab. Doch wir können heute nicht vorhersagen, wie dieses Verständnis aussehen mag, und wir sollten auch nicht versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, von denen wir meinen, sie stellten sich eines Tages als günstig heraus. Indessen müssen wir mit vielen Scharlatanen rechnen, welche wissenschaftliche Gesellschaftsmodelle à la Marx aufstellen. Diese Ideologen mögen – wie im Falle der Marxisten – die vollkommen unwissenschaftliche Haltung einnehmen, Zweifler als Feinde zu betrachten, die es zu unterdrücken gilt.
Spitzenpolitiker, Wähler und Aktivisten wären gut beraten, dem geflügelten Wort zu folgen, welches oft auf die Medizin gemünzt wird, nämlich „Richte vor allem keinen Schaden an!“ Eine plausible Faustregel, welche uns davor bewahren soll, infolge vermessenen ideologischen Glaubens Schaden anzurichten, besteht darin, anderen keine Anforderungen und Beschränkungen mit Gewalt aufzuerlegen, es sei denn, deren Wert ist in der Fachwelt im Rahmen einer freien und offenen Diskussion praktisch unumstritten. Natürlich kann auch ein Expertenkonsens daneben liegen, aber diese Faustregel mag das beste sein, was fehlbare Wesen wie wir uns ausdenken können.
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