Werden Waffenrechte verdrängt?  Hauptseite Weiterführende Diskussion 
Gibt es ein Recht,
Schusswaffen zu besitzen?
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6 Antworten auf Einwände

Einwand 1

Prämisse (1) erscheint allzu sehr zu vereinfachen; in einigen Fällen ist es zulässig, die Rechte eines Menschen zu verletzen, um einen vergleichbaren Schaden von einigen anderen Leuten abzuwenden, wie beim berüchtigten „Trolley-Problem“:[50] [50] siehe Philippa Foot, „The Problem of Abortion and the Doctrine of the Double Effect“, Oxford Review 5 (1967): 5–15; Judith Jarvis Thomson, „Killing, Letting Die, and the Trolley Problem“, The Monist 59 (1976): 204–217.
Beispiel 5 Ein außer Kontrolle geratener Straßenbahnwaggon nähert sich einer Weiche. Wenn er dort auf das linke Gleis geleitet wird, wird er einen Menschen überfahren und töten. Wenn er auf das rechte Gleis geleitet wird, wird er fünf Menschen überfahren und töten. Weder kann eine dieser Personen rechtzeitig in Sicherheit gebracht noch der Waggon gestoppt werden. Aber Sie können die Weiche umstellen. Momentan steht die Weiche so, dass der Waggon nach rechts geleitet wird. Sollten Sie die Weiche umstellen?
Die meisten Leute sagen ja.[51] [51] Gemäß einer informellen Umfrage des Autors unter Studenten. Es handelt sich um eine klare Mehrheit, selbst wenn die Studenten zuvor mit dem Beispiel vom Arzt konfrontiert wurden, der einen Patienten tötet, um dessen Organe an fünf andere Patienten zu verteilen. Daher sollten wir fragen: Entspricht ein Schusswaffenverbot eher dem Umstellen der Weiche in Beispiel 5 oder der Verurteilung des Angeklagten in Beispiel 4?
Zunächst scheint ein Waffenverbot eher der Handlung in Beispiel 4 zu entsprechen, wo es um eine vorgeschlagene Amtshandlung des Staates geht, die ein wichtiges Recht eines Menschen verletzt, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen, zur Aufrechterhaltung des Friedens und, um andere Menschen von Straftaten abzuhalten. Dies trifft nicht auf die Handlung in Beispiel 5 zu jedoch auf das vorgeschlagene Waffenverbot. Die Analogie wird vielleicht verstärkt, wenn wir uns die Notlage eines Menschen vergegenwärtigen, der gegen das Waffenverbot verstößt, um sich gegen Kriminelle in seiner Umgebung zu schützen: Dieser Mensch würde, wenn er erwischt wird, ins Gefängnis geschickt, selbst wenn [320] es keinen Hinweis darauf gibt, dass er beabsichtigt, jemandem zu schaden, weil dies Teil einer Regelung ist, die darauf abzielt, diejenigen vom Besitz von Schusswaffen abzuhalten, die tatsächlich anderen schaden wollen. Wer glaubt, dass es im allgemeinen schlechter ist, einen Unschuldigen zu bestrafen als mehrere Schuldige laufen zu lassen, sollte das Prinzip im Lichte dieses Beispiels betrachten.
Aber um zu bestimmen, ob ein Waffenverbot am besten im Lichte von Beispiel 4 oder 5 zu verstehen ist, sollte uns interessieren, worin der moralisch bedeutende Unterschied zwischen den beiden Beispielen besteht. Ziehen wir verschiedene Erklärungen des moralischen Unterschieds zwischen den Fällen in Erwägung:
  1. Erklärung anhand des Gesetzes der Doppelwirkung: In Beispiel 4 werden die Rechte eines Menschen verletzt als Mittel, um andere zu begünstigen, wogegen in Beispiel 5 die Rechte eines Menschen als bloße Nebenwirkung einer anderen Handlung verletzt werden, die anderen zugute kommt.[52] [52] Foot („Problem of Abortion“) verteidigt diesen Grund.
Man könnte einwenden, dass die Rechtsverletzung, die mit einem Waffenverbot verbunden ist – nämlich Schusswaffen unbescholtener Waffenbesitzer zu konfiszieren, nicht ein Mittel ist, das der Staat einspannt, um seine Ziele zu erreichen, weil seine Rechtsverletzung nicht ursächlich dazu beiträgt, andere vor Kriminalität zu schützen. Vielmehr trägt nur die Konfiszierung der Schusswaffen Krimineller dazu bei. Es geschieht etwas drittes, nämlich die Konfiszierung so vieler Schusswaffen aus der Gesamtbevölkerung wie möglich, welche beide Handlungen umfasst, aber die eine ist nicht Mittel der anderen.
Wenn jedoch letztere Überlegung richtig ist, dann kann (i) nicht der richtige Grund des Unterschieds zwischen den Beispielen 4 und 5 sein. Denn wäre dem so, dann gäbe es keinen rechtebasierten Einwand gegen eine Regelung, derzufolge Angeklagte stets verurteilt werden, sollte die Wahrscheinlichkeit ihrer Schuld sagen wir 10 % überschreiten. Die resultierende Inhaftierung der unschuldig Verurteilten wäre kein Mittel, das der Staat zur Erreichung seiner Ziele einsetzt, denn deren Inhaftierung trägt nicht ursächlich zum erwünschten Ziel bei, andere vor Kriminalität zu schützen; nur die Inhaftierung der tatsächlichen Straftäter würde dazu beitragen.
Es gibt ein weiteres Problem mit (i). Angenommen in Beispiel 4 würde sich der Mob beruhigen, sobald die Verurteilung verkündet wird, obgleich die Hinrichtung viele Wochen auf sich warten lässt. (Aber Sie können die Bestrafung nach der Urteilsverkündung nicht mehr aufhalten.) In diesem Fall besagt (i), dass Sie den Angeklagten verurteilen dürfen. Seine Hinrichtung wäre nicht als Mittel gedacht, da das beabsichtigte Ziel erreicht wird, bevor die Hinrichtung stattfindet. Die Hinrichtung wäre eine bloße Zusatzwirkung der Handlung, mit der Sie Aufstände verhütet haben.
  1. Im Beispiel 4 rührt der Schaden, den es zu vermeiden gilt, von den [321] absichtlichen, unrechtmäßigen Handlungen anderer Leute her, wogegen dies auf Beispiel 5 nicht zutrifft.
Diese Erklärung ist fehlerhaft, da man sich einen Fall wie in Beispiel 4 vorstellen kann mit dem Unterschied, dass die Hinrichtung des unschuldig Angeklagten den natürlichen Tod mehrerer Unschuldiger verhindert. Unsere Eingebung wird die vorgeschlagene Handlung weiterhin missbilligen.
  1. Im Beispiel 4 ist die Handlung selbst (oder der „relevante Handlungstyp“, die Verurteilung des Angeklagten) an sich schädlich oder hinderlich für einen anderen Menschen, wogegen in Beispiel 5 der relevante Handlungstyp (die Umleitung der Straßenbahn vom rechten auf das linke Gleis) an sich neutral ist.
Gemäß dieser Erklärung entspräche ein Waffenverbot als Rechtsverletzung und an sich einschränkende Handlung eher dem Beispiel 4 als dem Beispiel 5. Jedenfalls ist (iii) trotzdem recht problematisch, weil man im Beispiel 4 vorbringen könnte, dass die Handlung des Richters, bestimmte Worte von sich zu geben, an sich nicht schädlich oder einschränkend für den Angeklagten sei – nur die nachfolgenden Handlungen der Polizeibeamten, welche aus seinen Worten folgen, seien schädlich und einschränkend.[53] [53] zu weiteren Schwierigkeiten siehe Jonathan Bennett, The Act Itself (Oxford: Clarendon Press, 1995)
  1. In Beispiel 5 lenkt man eine bestehende Bedrohung auf einen oder mehrere andere Menschen ab, wogegen man in Beispiel 4 eine neue Bedrohung oder einen neuen Schaden hervorbringt.[54] [54] Thomson, „Killing“; Allerdings gibt Thomson später eine andere (und in meinen Augen weniger befriedigende) Theorie zu diesen Fällen an in The Realm of Rights (Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1990), S. 180–200). Meiner Ansicht nach ist das die plausibelste Erklärung.
Gemäß dieser Theorie ähnelt ein Waffenverbot eher dem Beispiel 4. Es leitet keine Bedrohung um – es lenkt keine vorhandenen Kriminellen von den einen Opfern auf eine andere Klasse von Opfern um. Aber es bringt auch keine neue Bedrohung hervor (abgesehen davon, dass das Gesetz Menschen zu Kriminellen macht). Stattdessen errichtet es eine neue Hürde zur Verhinderung einer Bedrohung. Es entspräche daher eher dem folgenden Fall als den Beispielen 4 und 5:
Beispiel 6 Ein Mob ist wegen eines Verbrechens in Aufruhr, das er V zuschreibt. Doch Sie wissen, dass V unschuldig ist. Solange der Mob nicht besänftigt wird, randaliert er, wobei weitere Menschen getötet und verletzt werden. Als V den Mob auf sein Haus zukommen sieht, ergreift er die Flucht, worauf Sie ihn packen und festhalten, bis der Mob eintrifft, um ihn zu lynchen.
Die in Beispiel 6 beschriebene Handlung erscheint in ähnlicher Weise falsch wie die Handlung des Richters in Beispiel 4. Dies legt nahe, dass die Schaffung einer weiteren Hürde zur Verhinderung einer Bedrohung moralisch mit der Schaffung einer neuen Bedrohung auf einer Stufe steht statt vergleichbar mit der Ablenkung [322] einer Bedrohung zu sein. Dieser Schluss ist im Einklang mit der Schlussfolgerung von §4.2↑, dass die Verhinderung der Verhinderung eines Todesfalls moralisch vergleichbar mit Totschlag ist.

Einwand 2

Vielleicht lässt sich eine Schlussfolgerung machen, die sich auf Grundsätze stützt, die den von mir selbst benutzten ähneln, und darin endet, dass der Verkauf von Schusswaffen moralisch falsch ist. Eine Firma, die viele Schusswaffen verkauft, kann mehr oder weniger sicher sein, dass einige davon zur Begehung von Straftaten verwendet werden. Sie trage eine Mitverantwortung für diese Straftaten, dadurch dass sie Kriminelle mit den Mitteln zu ihrer Ausführung ausgestattet hat. Gemäß Prämisse (1) in §5.3↑ könne die Firma sich nicht damit verteidigen, dass Waffenverkäufe insgesamt mehr Straftaten verhindern als befördern.
Dieser Einwand verwendet mindestens zwei verschiedene moralische Grundsätze. Er nutzt meine Prämisse (1), und er nutzt die Prämisse (nennen wir sie „Verkäuferverantwortung“), der Verkäufer eines Produkts sei (teilweise) moralisch verantwortlich für dessen Einsatz durch den Kunden.
Verkäuferverantwortung hat in einigen Fällen ihre Berechtigung. Wenn ich einem Kunden eine Schusswaffe verkaufe, von dem ich weiß, dass er sie zur Begehung eines Mordes einsetzen will, bin ich teilweise verantwortlich für den späteren Mord. Wenn nur eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Käufer Mordpläne hegt, dann habe ich immer noch falsch gehandelt, obgleich nicht so falsch wie im ersten Fall. Desgleichen wenn ich ein Waffengeschäft betreibe und meine Schusswaffen speziell an Kriminelle vermarkte, dann bin ich teilweise verantwortlich für die sich daraus ergebende Kriminalität.[55] [55] Diese Art von Beschuldigungen scheinen die Grundlage für den Vorwurf der moralischen Verkommenheit an die Waffenbranche zu sein (beispielsweise Ronald Green, „Legally Targeting Gun Makers: Lessons for Business Ethics“, Business Ethics Quarterly 10 [2000]: 203–210; George Brenkert, „Social Products Liability: The Case of the Firearms Manufacturers“, Business Ethics Quarterly 10 [2000]: 21–32). Es ist bemerkenswert, dass selbst diese Kritiker Einschränkungen der Verkäuferverantwortung, der von mir vorgeschlagenen Art, zu akzeptieren scheinen.
Aber wir können Verkäuferverantwortung nicht uneingeschränkt akzeptieren. Täten wir das, müssten wir sie auf die Verkäufer von Autos, Messern, Seilen und anderen gelegentlich missbrauchten Produkten anwenden. Weil große Autohersteller wissen, dass zumindest einige ihrer Autos kriminelle Verwendung finden (als Fluchtfahrzeug, für Alkoholfahrten und sogar als Mordwerkzeug), wäre es falsch für sie, den Verkauf von Autos fortzusetzen.
Daher plädiere ich für ein beschränktes Verkäuferverantwortungsprinzip, demzufolge der Verkäufer für den kriminellen Gebrauch seines Produktes nur dann verantwortlich ist, wenn (i) das Produkt keine moralisch legitime Anwendung hat, wenn (ii) nach dem Wissensstand des Verkäufers bei einem konkreten Verkauf eine erhebliche Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass der Käufer das Produkt missbraucht, oder wenn (iii) der Verkäufer aus Absicht oder Nachlässigkeit keine vernünftigen Schritte unternimmt, um die Wahrscheinlichkeit eines Verkaufs an kriminelle Verwender herabzusetzen. Bedingung (i) [323] trifft nicht auf Schusswaffen zu. Die Bedingungen (ii) und (iii) können auf Waffenverkäufe zutreffen, müssen es aber nicht. Infolgedessen besteht kein Grund zu glauben, Waffenverkäufe seien generell verkehrt, obschon zweifelsohne einige unrechtmäßige Waffenverkäufe vorkommen.

Einwand 3

Einige wenden ein, dass ein starkes Besitzrecht für Schusswaffen darauf hinauslaufe, dass ein Besitzrecht für alle Waffenarten besteht. Kurzum wenn ein Recht, Schusswaffen zu besitzen, bestehe, dann bestehe auch ein Recht, eine Atomrakete zu besitzen, was absurd ist.[56] [56] Das „Atomraketenbeispiel“ (welches gelegentlich in informellen Diskussionen aufkommt) stellt nur die extreme Form des Einwandes dar. In dem Zusammenhang hat Hugh LaFollette (in unveröffentlichten Kommentaren zu diesem Aufsatz) eingewendet, meine Position führe zur Existenz eines Rechts auf den Besitz von Maschinengewehren, Granaten und Bazookas.
Obschon meine Prämissen ein gewisses Anscheinsrecht stützen mögen, alle Arten von Waffen zu besitzen von Maschinengewehren bis hin zu Atomraketen, folgt aus den Überlegungen von §4↑ nicht, dass allen derartigen Anscheinsrechten gleich viel Gewicht zukommt, auch folgt aus denen von §5↑ nicht, dass die Gründe zur Verdrängung all dieser Anscheinsrechte gleich stark sind. Gemäß der oben besprochenen empirischen Belege handelt es sich bei Feuerwaffen und insbesondere Kurzwaffen um die wirksamsten Mittel zur Selbstverteidigung gegen Gewaltverbrecher, zugleich pflegt man sowohl Kurzwaffen als auch Gewehre in der Freizeit einzusetzen. Es wäre gelinde gesagt schwierig, die Bedeutung von Atomraketen zur Freizeitgestaltung oder zur Selbstverteidigung darzulegen, und zugleich wäre es einfach, für die Verdrängung irgendeines Anscheinsrechts auf den Besitz von Atomraketen zu argumentieren.
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