Gibt es ein Anscheinsrecht auf Waffenbesitz?  Hauptseite Werden Waffenrechte verdrängt? 
Gibt es ein Recht,
Schusswaffen zu besitzen?
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4 Ist das Recht auf Waffenbesitz bedeutsam?

Ich werde meine Überlegungen zum Waffenrecht auf den Vorschlag beschränken, alle Feuerwaffen in Privatbesitz zu verbieten.[14] [14] Feinberg (Harm to Others, S. 193–198) bespricht Besitzkartensysteme als Alternative zu pauschalen Verboten oder Erlaubnissen von riskanten Aktivitäten wie dem Waffenbesitz. Aus Platzgründen ist es nicht möglich, ausführlich darauf einzugehen ebenso wie auf andere gemäßigte Vorschläge zur Waffenreglementierung. Um Bedenken zu zerstreuen, ich griffe eine Strohmann-Position an, verweise ich darauf, dass einige Verfechter der Waffenbeschränkung offen ein pauschales Feuerwaffenverbot oder ähnliche Maßnahmen, wie ein Kurzwaffenverbot, unterstützt haben (siehe Marvin Wolfgang, „A Tribute to a View I Have Opposed“, Journal of Criminal Law and Criminology 86 [1995]: 188–192, S. 188; Dixon, „Why We Should Ban Handguns“; Nicholas Dixon, „Perilous Protection: A Reply to Kopel“, St. Louis University Public Law Review 12 [1993]: 361–391; Deborah Prothrow-Stith und Michaele Weissman, Deadly Consequences [New York: Harper-Collins, 1991], S. 198), und dass laut Umfragen 20 % der Bevölkerung ein Totalverbot von Feuerwaffen befürwortet (Henderson, Gun Control, S. 246). Des Weiteren ermöglicht uns die Untersuchung dieses Vorschlags, den theoretischen Rahmen zu entwickeln, der für die Bewertung weniger extremer Formen der Waffenreglementierung notwendig ist. Dies würde das Anscheinsrecht auf Waffenbesitz verletzen. Ich behaupte, dass die Rechtsverletzung sehr schlimm wäre sowohl aufgrund des Stellenwerts, den Waffenbesitz im Leben von Waffenbegeisterten hat, als auch wegen der Beziehung zwischen dem Recht auf Waffenbesitz und dem Recht auf Selbstverteidigung.

4.1 Der Freizeitwert von Schusswaffen

Der Freizeitgebrauch von Schusswaffen beinhaltet Scheibenschießen, verschiedene Arten von Schießwettbewerben und die Jagd. In Diskussionen über das Waffenrecht messen die Teilnehmer dem Freizeitwert so gut wie nie ein Gewicht bei,[15] [15] Siehe beispielsweise den Austausch zwischen Dixon und Kopel (Dixon, „Why We Should Ban Handguns“ und „Perilous Protection“; David Kopel, „Peril or Protection? The Risks and Benefits of Handgun Prohibition“, St. Louis University Public Law Review 12 [1993]: 285–359), bei dem Dixon dieses Gewicht früh als „unbedeutend“ verwirft, und keine Seite es wieder erwähnt, obwohl Kopels Antwort in anderer Hinsicht gründlich ist.
Die Jagd wirft andere ethische Fragen auf, die wir hier nicht behandeln können. Aber im Vorbeigehen mag sich die Beobachtung lohnen, dass jeder ethische Einwand zur Jagd schwächer wäre als solche, welche auf alternative Methoden der Fleischgewinnung (Massentierhaltung) zutreffen.
vielleicht weil dieser Wert zunächst gering erscheinen mag angesichts der Todesfälle, die durch Waffen verursacht oder verhindert werden. Das Beharren darauf, dass Menschen ein Recht darauf haben, über die Art ihrer Freizeitgestaltung selbst zu entscheiden, wirkt in diesem Zusammenhang vielleicht unangebracht; ist es aber nicht. Betrachten wir zwei Formen, den der Vorwurf der Unangemessenheit annehmen könnte.
Erstens könnte man denken, dass Menschenleben der Freizeitgestaltung lexikalisch übergeordnet seien (grob gesagt: unendlich wertvoller seien), so dass kein Betrag an Freizeitwert auch nur einen vorzeitigen Todesfall ausgleichen könne.[16] [16] Lexikalisch x übergeordnet zu sein, bedeutet in der lexikalischen Ordnung der Güter höher als x zu stehen. Bakal (The Right to Bear Arms, New York: McGraw-Hill, 1966, S. 340) scheint bei der Besprechung von Waffenbeschränkungen dieser Sicht beizupflichten. Beispielsweise postuliert Rabbi Moshe Tendler (zitiert in Edward Keyserlingk, Sanctity of Life or Quality of Life, Law Reform Commission of Canada, 1982, S. 21) ausdrücklich den „unendlichen“ Wert allgemein von jedem Teil des Lebens. Dies kann nicht [305] darauf hinauslaufen, dass eine Gefahr für Menschenleben nie hingenommen werden soll, weil es unmöglich ist, alle derartigen Gefahren auszuschließen. Stattdessen unterstelle ich, dass wer einen unendlichen Wert für Menschenleben bejaht, eher eine Maximierung der Lebenserwartung im Sinn hat.[17] [17] Ich unterstelle, dass jene, die behaupten, Leben sei jedem Betrag von Freizeitgenuss überlegen, ebenso sagen, jede Verlängerung eines Lebens sei jedem Betrag von Freizeitgenuss überlegen. Sonst wäre die lexikalische Überlegenheit des Lebens für die Waffenrechtsdiskussion ohne Belang – Schusswaffengewalt hindert keinen Menschen daran, ein Leben zu haben, sondern verkürzt nur vorhandene Leben.
Diese Position ist nicht plausibel, weil Freizeit eine Hauptquelle des Genusses ist, und Genuss (mindestens) einen großen Anteil daran hat, das Leben lebenswert zu machen. Betrachten wir die Spannweite von Unternehmungen, deren Hauptwert in der Zerstreuung liegt oder allgemeiner im Lustgewinn: Sex ohne Fortpflanzungsabsicht, Lesen von Romanen, Film- und Fernsehkonsum, Gespräche mit Freunden, Hören von Musik, Essen von Nachspeisen, Ausgehen in ein Lokal, Spielen von Gesellschaftsspielen usf. Wäre es vernünftig all diese Unternehmungen aufzugeben, wenn man dadurch die eigene Lebenserwartung um sagen wir fünf Minuten verlängern könnte? Oder nehmen wir an, dass eine Fahrt zum Stadtpark die eigene Lebenserwartung geringfügig herabsetzt (wegen der Gefahr von Verkehrsunfällen, kriminellen Passanten, Tröpfcheninfektion usw.). Wäre es unvernünftig die Fahrt anzutreten – egal wie sehr man den Park genießt?
Zweitens könnte man mit mehr Plausibilität behaupten, dass der Wert der Menschenleben, die durch ein Waffenverbot gerettet würden, schlicht viel größer sei als der Freizeitwert von Schusswaffen. Es liegt nicht auf der Hand, dass dies stimmt, selbst wenn ein Waffenverbot die jährliche Zahl von Todesfällen im Zusammenhang mit Schusswaffen erheblich verringern würde. Viele Waffenbesitzer scheinen tiefe Zufriedenheit aus dem Freizeitgebrauch von Schusswaffen zu ziehen, und es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass für viele das Freizeitschießen eine Lebensart ist.[18] [18] Es fällt schwer, wissenschaftliche Informationen zur Bestätigung zu finden, obgleich anekdotische Berichte von der zentralen Bedeutung von Feuerwaffen im Leben von Enthusiasten leicht verfügbar sind (beispielsweise Abigail Kohn, „Their Aim Is True: Taking Stock of America’s Gun Culture“, Reason, Mai 2001: 26–32). Selbst Verfechter von Waffenbeschränkungen reden von Amerikas „Waffenkult“ und „Waffenliebe“ (beispielsweise Michael Bellesiles, Arming America: The Origins of a National Gun Culture, New York: Alfred A. Knopf, 2000, S. 3–9). Des Weiteren gibt es sehr viele Waffenbesitzer. Einer groben Schätzung nach ist die Zahl der Waffenbesitzer zweitausend mal größer als die Zahl von Todesfällen im Zusammenhang mit Schusswaffen.[19] [19] Die jährliche Zahl der Todesfälle durch Feuerwaffen in Amerika einschließlich Selbstmorden liegt bei etwa 35.000 (Henderson, Gun Control, S. 225). Ungefähr 77 Millionen Amerikaner besitzen Schusswaffen (ebenda, S. 231; Lott, More Guns, Less Crime, S. 37 u. 41), obgleich die meisten vermutlich keine Enthusiasten sind. Dies ergibt ein Verhältnis von 2200:1. 46 % der befragten Waffenbesitzer geben Jagd oder Sportschießen als Hauptgrund für das Bereithalten einer Waffe an (Henderson, Gun Control, S. 234). Selbst wenn wir optimistisch davon ausgehen, dass ein erheblicher Anteil [306] von Hobbyschützen auf andere Formen der Freizeitgestaltung ausweichen könnte und würde, sollten wir folgern, dass der Gesamtnutzen von Waffengesetzen stark überschätzt wird von denjenigen, die den Freizeitwert von Schusswaffen beiseite schieben. Aus offensichtlichen Gründen lässt sich der Nutzen aus dem Freizeitgebrauch von Schusswaffen nicht leicht beziffern und auch nicht mit dem Wert der Menschenleben vergleichen, die durch Waffengewalt sterben. Das ist jedoch kein Grund, ersteren zu vernachlässigen, wie es die Teilnehmer von Waffenrechtsdiskussionen oft tun.
Dennoch ist unser vorgebrachtes Anliegen nicht überwiegend utilitaristisch. Die Überlegung an dieser Stelle lautet, dass das Anscheinsrecht von Waffenbegeisterten auf Waffenbesitz bedeutend ist angesichts des zentralen Stellenwertes, den dieser Besitz in ihrem gewählten Lebensstil einnimmt. Ein Verbot des Waffenbesitzes würde einen großen Eingriff in ihre eigenen Lebenspläne bedeuten. Gemäß dem Kriterium, das in §2.3↑ vorgelegt wurde, reicht dies aus, um zu zeigen, dass ein solches Verbot eine schlimme Rechtsverletzung wäre.

4.2 Das Recht auf Selbstverteidigung

Das Hauptargument der Befürworter von Waffenbesitz lautet wie folgt:
  1. Das Recht auf Selbstverteidigung ist ein wichtiges Recht.
  2. Ein Verbot von Schusswaffen wäre eine erhebliche Verletzung des Rechts auf Selbstverteidigung.
  3. Deshalb wäre ein Verbot von Schusswaffen eine schlimme Rechtsverletzung.
Die Stärke der Schlussfolgerung hängt von der Stärke der Prämissen ab: Je wichtiger das Recht auf Selbstverteidigung ist, und je schlimmer Waffenbeschränkungen als Verletzung dieses Rechts sind, desto schlimmer ist die Rechtsverletzung durch Waffenverbote.
Ich fange damit an darzulegen, dass das Recht auf Selbstverteidigung äußerst schwer wiegt. Betrachten wir dieses Szenario:
Beispiel 1 Ein Mörder bricht in ein Haus ein, wo sich zwei Menschen aufhalten – nämlich „das Opfer“ und der „Komplize“. (Der „Komplize“ braucht zuvor nichts mit dem Mörder zu tun zu haben.) Während der Mörder das Schlafzimmer betritt, wo sich das Opfer versteckt, tritt der Komplize durch eine andere Tür ein und hält es aus irgendeinem Grund fest, solange der Mörder es ersticht.
In diesem Szenario begeht der Mörder die wohl denkbar schlimmste Art Rechtsverletzung. Was ist mit dem Komplizen, der das Opfer festhält? Die meisten werden zustimmen, dass dieses Verbrechen dem Unrechtsgehalt von Mord nahe kommt, wenn nicht sogar auf derselben Stufe steht, obschon er es weder tötet noch verletzt. Fasste man seine Handlung als bloßes Festhalten für wenige Augenblicke auf, [307] erschiene sie als unbedeutende Rechtsverletzung. Sie ist dadurch so verkehrt, dass sie das Opfer daran hindert, sich entweder zu verteidigen oder vor dem Mörder zu fliehen; das heißt sie verletzt das Recht auf Selbstverteidigung. (Jemand absichtlich und gewaltsam daran zu hindern, von einem Recht Gebrauch zu machen, bedeutet dieses Recht zu verletzen.) Wir könnten auch sagen, das Verbrechen des Komplizen habe darin bestanden, Beihilfe bei der Durchführung des Mordes zu leisten. Meiner Ansicht nach ist dies keine alternative Erklärung des Unrechtsgehaltes seiner Handlung sondern nur eine Umformulierung der ersten Erklärung. Weil das Recht auf Selbstverteidigung ein abgeleitetes Recht ist, das dem Schutz des Rechts auf Leben dient – neben dem von weiteren Rechten, verursachen oder ermöglichen Verletzungen des Rechts auf Selbstverteidigung oft Verletzungen des Rechts auf Leben.
Es ist üblich, zwischen Töten und Sterben-Lassen zu unterscheiden. Im Beispiel hatten wir es mit einer dritten Kategorie von Handlungen zu tun: der Verhinderung der Verhinderung eines Todesfalls. Dies ist von Mord zu unterscheiden, aber es handelt sich auch nicht um bloßes Sterben-Lassen, weil eine aktive Handlung erforderlich ist. Das Beispiel legt nahe, dass die Verhinderung der Verhinderung eines Todesfalls ungefähr ein so schlimmes Unrecht ist wie Mord. Jedenfalls dient die Tatsache, dass schwere Verletzungen des Rechts auf Selbstverteidigung moralisch vergleichbar zu Mord sind, dazu zu zeigen, dass das Recht auf Selbstverteidigung ein sehr schwerwiegendes Recht sein muss.
Die Intuition des extremen Unrechtsgehaltes der Handlung des Komplizen wird gestützt von den Kriterien für den Ernst einer Rechtsverletzung, die in §2.3↑ aufgestellt wurden. Erstens ist das Recht auf Leben von überragender Bedeutung für die Fähigkeit eines Menschen, seinen eigenen Lebensplan zu verfolgen. Zweitens ist das Recht auf Selbstverteidigung sehr wichtig, um das Recht eines Menschen auf Leben zu schützen. Drittens ist das Festhalten einer Person, auf die eingestochen wird, äußerst schlimm als Verletzung des Rechts auf Selbstverteidigung.
Wenden wir uns Prämisse 2 zu, dass ein Waffenverbot schlimm ist als Verletzung des Rechts auf Selbstverteidigung. Stellen wir uns folgendes vor:
Beispiel 2 Im Unterschied zu Beispiel 1 hat das Opfer eine Schusswaffe neben seinem Bett bereit liegen, die es ggf. verwenden würde, um sich gegen den Mörder zu verteidigen. Als der Mörder das Schlafzimmer betritt, greift es nach der Waffe. Der Komplize schnappt sich die Waffe und läuft mit ihr davon mit dem Ergebnis, dass der Mörder das Opfer ersticht.
Die Handlung des Komplizen scheint in diesem Fall moralisch vergleichbar mit der aus Beispiel 1 zu sein. Wieder hat er absichtlich verhindert, dass das Opfer sich selbst verteidigt, und dadurch bewirkt, dass er dem Mörder Beihilfe leistet. Die Argumente anhand der Kriterien zum Ernst der Rechtsverletzung stimmen überein.
Die Analogie zwischen der Handlung des Komplizen in diesem Fall und einem allgemeinen Waffenverbot sollte klar sein. Ein Verbot von Schusswaffen würde die Konfiszierung von Waffen erfordern, die viele Menschen für [308] Selbstverteidigungszwecke bereit halten,[20] [20] Ein alternativer Vorschlag würde den Verkauf neuer Waffen unterbinden in der Hoffnung, den Nachschub über die Jahrzehnte hinweg auszutrocknen. Meiner Ansicht nach würde dies immer noch die Rechte von Menschen verletzen, die Schusswaffen erwerben wollen, und außerdem wäre der zu erwartende Einfluss auf den Waffengebrauch von Kriminellen viel geringer. Jedenfalls betrachte ich der Einfachheit halber nur den Vorschlag zur Konfiszierung. mit dem Ergebnis, dass einige dieser Menschen ermordet, ausgeraubt, vergewaltigt oder schwer verletzt würden. Wenn die Handlung des Komplizen in Beispiel 2 eine grobe Verletzung des Rechts auf Selbstverteidigung ist, dann erscheint ein Waffenverbot ungefähr gleich schlimm als Verletzung des Rechts auf Selbstverteidigung.
Betrachten wir einige Einwände gegen diese Analogie. Erstens könnte man sagen, dass beim Waffenverbot die Regierung mit der Rettung anderer Menschenleben einen belastbaren Grund für die Konfiszierung der Waffen hätte, was (wie wir annehmen) nicht auf den Komplizen in Beispiel 2 zutrifft. Dies liefe meiner Meinung nach darauf hinaus, dass das Selbstverteidigungsrecht unbescholtener Waffenbesitzer verdrängt wird durch die Staatsaufgabe, die Gesellschaft vor kriminellen Waffenbesitzern zu schützen. Ich werde in §5↓ auf diesen Ansatz eingehen.
Zweitens könnte man einwenden, dass Beispiel 2 sich von einem Waffenverbot dadurch unterscheidet, dass der Mord unmittelbar bevorsteht zu dem Zeitpunkt, an dem der Komplize die Waffe wegnimmt. Aber dies scheint moralisch keine Rolle zu spielen. Denn angenommen der Komplize entschlösse sich mit dem Wissen, dass morgen jemand eindringt, um das Opfer zu ermorden (wovon es nichts weiß), ihm heute die Waffe wegzunehmen, was wiederum zu dessen Tod führt. Dies würde die Handlung des Komplizen moralisch nicht haltbarer machen als in Beispiel 2.
Ein dritter Unterschied könnte darin bestehen, dass der Komplize in Beispiel 2 gemäß Annahme weiß, dass das Opfer später getötet oder schwer verletzt wird, wogegen der Staat nicht weiß, dass seine Waffenverbotspolitik Morde und Verletzungen bei ehemaligen Waffenbesitzern zur Folge hat. Dies trifft jedoch sicher nicht zu. Der Staat kann zwar behaupten, die Zahl der durch ein Waffenverbot geretteten Menschenleben übertreffe die Zahl der geopferten Menschenleben, doch ist die Position unhaltbar, dass gar keine Menschenleben geopfert werden, wenn man nicht entgegen der Plausibilität behaupten will, dass Schusswaffen nie gegen lebensbedrohliche Angriffe eingesetzt werden. Manche vertreten wohl den Standpunkt, dass nur erstere Behauptung notwendig ist, um ein Waffenverbot zu rechtfertigen; dies würde uns zum ersten Einwand zurückführen.
Viertens könnte man feststellen, dass in Beispiel 2 ein konkretes und bestimmbares Opfer vorkommt: Der Komplize weiß, wer aufgrund seiner Waffenkonfiszierung sterben wird. Im Unterschied dazu kann eine Regierung, die ein Waffenverbot erlässt, nicht bestimmen, welche konkreten Menschen in Folge des Waffenverbotes getötet werden, obschon sie vorhersagen kann, dass irgendwelche Menschen sterben werden. Aber das scheint moralisch keine Rolle zu spielen. Betrachten wir:
Beispiel 3 Ein „Komplize“ fesselt eine fünfköpfige Familie irgendwo in der Wildnis in dem Wissen, dass dort Wölfe herumstreunen. Er hat guten Grund zu [309] der Annahme, dass ein Wolfsrudel vorbeikommt und ein oder zwei Familienmitglieder frisst (und danach satt ist), aber er weiß nicht, wer genau gefressen wird. Er lässt sie eine Stunde alleine, und in dieser Zeit wird die Mutter der Familie von den Wölfen gefressen.
In diesem Fall lindert die Tatsache, dass der Komplize nicht weiß, wer in Folge seiner Handlungen sterben wird, seine Schuld nicht. Ebenso ist unklar, wie das Unvermögen des Staates, vorherzusagen wer in Folge des Waffenverbotes zum Opfer wird, seine Verantwortung für die Toten und Verletzten lindert.
Fünftens kann man davon ausgehen, dass die Opfer eines Waffenverbotes rechtzeitig vorgewarnt wären, um alternative Maßnahmen zu ihrem Schutz zu ergreifen im Unterschied zum Opfer in Beispiel 2. Leider deuten Statistiken der US-weiten Kriminalitätsopferumfrage (National Crime Victimization Survey) darauf hin, dass solche alternativen Selbstverteidigungsmittel vergleichsweise unwirksam wären – Menschen, die sich mit einer Schusswaffe verteidigen, werden seltener verletzt und müssen sehr viel seltener den Taterfolg hinnehmen im Vergleich zu Personen, die andere Mittel verwenden.[21] [21] Gary Kleck, Targeting Guns: Firearms and Their Control, New York: Aldine de Gruyter, 1997, S. 170–174 u. 190; Lawrence Southwick, „Self-Defense with Guns: The Consequences“, Journal of Criminal Justice 28 (2000): 351–370. Folglich beseitigt der vorliegende Einwand die Schuld des Staates nicht, obgleich er sie mindert. Die Situation entspricht derjenigen, in welcher der Komplize dem Opfer statt des einzigen Verteidigungsmittels nur das Wirksamste nimmt mit der Folge, dass es getötet wird. Hier ist seine Handlung zwar weniger verwerflich als in Beispiel 2 doch immer noch sehr verwerflich.
Weil ein Waffenverbot eine erhebliche Verletzung eines äußerst schwerwiegenden Rechts darstellt, müssen wir folgern, dass es sich um eine sehr schlimme Rechtsverletzung handelt. Die obigen Beispiele legen zunächst nahe, dass es auf derselben Stufe wie (mehrfacher) Mord, Raub, Vergewaltigung und Körperverletzung steht – auch wenn die vorangegangenen Absätze zeigen, dass es im Vergleich etwas weniger verwerflich ist. Es geht nicht darum, dass Leute, die ein Waffenverbot einführen wollen, so tadelnswert sind wie Mörder und andere Gewaltverbrecher (weil erstere nicht wissen, dass ihre Vorschläge moralisch vergleichbar mit Mord sind, und sie andere Motive verfolgen als typische Mörder); sondern es geht lediglich darum, die Stärke der Gründe gegen die Umsetzung ihrer Vorschläge zu beurteilen.
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