Vorläufige Bemerkungen über Rechte  Hauptseite Ist das Recht auf Waffenbesitz bedeutsam? 
Gibt es ein Recht,
Schusswaffen zu besitzen?
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3 Gibt es ein Anscheinsrecht auf Waffenbesitz?

Ausgehend von der Vermutung zugunsten der Freiheit besteht zumindest ein Anscheinsrecht darauf, eine Schusswaffe zu besitzen, solange es keine eindeutigen Anhaltspunkte der in §2.1↑ besprochenen Art gibt, ein solches Recht abzustreiten. Bestehen derartige Gründe?
  1. Beginnen wir mit dem Prinzip, dass man kein Recht hat, etwas zu tun, das anderen schadet, sie als bloßes Mittel gebraucht oder sie ohne ihre Zustimmung gebraucht. Es fällt schwer sich vorzustellen, wie der bloße Besitz einer Schusswaffe irgendetwas in dieser Art bewerkstelligen sollte, obgleich der Besitz einer Waffe solche Taten erleichtert, sollte sich der Besitzer zu ihnen entschließen. Wir verbieten jedoch für gewöhnlich keine Handlungen, die es lediglich erleichtern, eine Missetat zu begehen, aber eine gesonderte Entscheidung erfordern, um sie auszuführen.
  2. Nehmen wir das Prinzip, dass man kein Recht hat, Dinge zu tun, die anderen unerträgliche – wenn auch ungewollte – Risiken aufbürden. Weil das Leben voller Risiken steckt, muss das Prinzip, um plausibel zu sein, eine Festlegung beinhalten, welche Risiken als untragbar gelten. Die Risiken, welche vom gewöhnlichen Waffenbesitz und Freizeitgebrauch von Waffen ausgehen, sind jedoch minimal. Während nun ungefähr 77 Millionen Amerikaner Waffen besitzen,[10] [10] Umfragen ergeben, dass ungefähr die Hälfte der amerikanischen Männer und ein Viertel der amerikanischen Frauen Waffen besitzt (siehe Harry Henderson, Gun Control, New York: Facts on File, 2000, S. 231; John Lott, More Guns, Less Crime, 2nd ed., Chicago: University of Chicago Press, 2000, S. 37 u. 41). ist die relative Zahl von Unfalltoten im Laufe des letzten Jahrhunderts dramatisch gesunken und liegt nun bei ungefähr 0,3 von 100.000 Einwohnern. Zum Vergleich: Es ist für den Durchschnittsbürger 19-mal wahrscheinlicher, bei einem Unfall in den Tod zu stürzen, und 50-mal wahrscheinlicher, bei einem Autounfall zu sterben, als infolge eines Unfalls mit Schusswaffen zu sterben.[11] [11] siehe National Safety Council, Injury Facts, 1999 Edition (Itasca, Ill.: National Safety Council, 1999), S. 8f u. 44f; National Safety Council, „Odds of Death Due to Injury, United States, 1998“ (URL: http://www.nsc.org/lrs/statinfo/odds.htm, abgerufen am 22. Mai 2002). Dort wird die Tatsache übersehen, dass es sich bei den meisten Unfalltoten vermutlich um die Waffenbesitzer selbst handelt. Zählten wir bei den Unfällen nur Todesfälle von Dritten, fiele die Häufigkeit vermutlich viel geringer aus.
  3. Manche mögen denken, die Unfallstatistiken gingen am eigentlichen Problem vorbei: Das wahre Risiko des Waffenbesitzes für andere bestehe in der Gefahr, dass der Waffenbesitzer oder jemand anderes im Streit „die Kontrolle verliert“ und sich entschließt, seinen Widersacher zu töten. Nicholas Dixon legt dar: „Im Jahre 1990 wurden 34,5 % aller Morde im häuslichem oder sonstigen Streit verübt. Denn wir sind alle zu hitzigen Auseinandersetzungen fähig, und wir sind alle unter den falschen Umständen zum Kontrollverlust und dem Töten unseres Widersachers fähig.“[12] [12] siehe Dixon 1993, „Why We Should Ban Handguns in the United States“ St. Louis University Public Law Review 12: 243–283, S. 266. Ähnlich äußert sich Jeff McMahan (unveröffentlichte Kommentare zu diesem Aufsatz, 7. Januar 2002): „die meisten [Morde] passieren, wenn ein stinknormaler Mensch durch eine ungewöhnliche Verkettung von Umständen über eine bestimmte emotionale Schwelle hinweg gestoßen wird.“ Im Zuge [303] der Antwort sollten wir zuerst die Ungültigkeit seiner Schlussfolgerung anmerken. Angenommen 34,5 % der Menschen, die eine Meile in unter vier Minuten laufen, haben schwarzes Haar, und ich bin schwarzhaarig. Daraus folgt nicht, dass ich eine Meile in weniger als vier Minuten laufe. Es liegt nahe, dass nur sehr atypische Individuen auf einen hitzigen Streit mit dem Töten ihrer Widersacher reagieren. Zweitens werden Dixons und McMahans Behauptungen durch die empirischen Befunde widerlegt. In den größten 75 Bezirken der Vereinigten Staaten hatten 1988 über 89 % der erwachsenen Mörder zuvor einen Eintrag im Führungszeugnis.[13] [13] Lott More Guns, Less Crime S. 8; U.S. Department of Justice, „Bureau of Justice Statistics Special Reports: Murder in Large Urban Counties, 1988“, Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, 1993; U.S. Department of Justice, „Bureau of Justice Statistics Special Reports: Murder in Families“, Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, 1994. Dies bestätigt, was der gesunde Menschenverstand sagt, nämlich dass es für normale Menschen extrem unwahrscheinlich ist, einen Mord zu begehen, selbst wenn sie die Mittel dazu haben. Daher stellt Waffenbesitz typischerweise kein untragbares Risiko für andere dar.
  4. Betrachten wir die Meinung, dass Menschen kein Recht haben, Handlungen auszuführen, die vernünftigerweise als Beleg für die Absicht erscheinen, anderen zu schaden oder ihnen untragbare Risiken aufzubürden. Dieses Prinzip greift hier nicht, da von allen Seiten zugegeben wird, dass nur ein winziger Bruchteil der 77 Millionen Waffenbesitzer vorhat, mit Waffen Straftaten zu begehen.
  5. Man kann behaupten, die gesellschaftlichen Gesamtkosten privaten Waffenbesitzes seien erheblich und der Staat nicht in der Lage, diejenigen Personen zu bestimmen, die ihre Waffe missbrauchen wollen. Daher verbleibe dem Staat als einzig gangbare Methode, die gesellschaftlichen Kosten zu senken, selbst unbescholtenen Bürgern den Besitz von Schusswaffen zu verbieten. Aber dies ist kein Argument gegen ein Anscheinsrecht auf Waffenbesitz. Es ist nur ein Argument zur Verdrängung eines jeden derartigen Rechts. Im Allgemeinen zeigt die Tatsache, dass die Einschränkung einer Handlung günstige Konsequenzen hat, nicht, dass der Freiheit, sie durchzuführen, kein Gewicht beigemessen werden soll; sie zeigt lediglich, dass es widerstreitende Gründe gibt, die Handlung nicht zu erlauben. (Zum Vergleich: Angenommen, dass die Wegnahme meines Autos und die Übertragung desselben an Sie die gesellschaftliche Wohlfahrt insgesamt verbessert. Daraus würde nicht folgen, dass ich keinerlei Anspruch auf mein Auto habe.)
Es fällt schwer, die Existenz zumindest eines Anscheinsrechts auf Waffenbesitz zu bestreiten. Aber dies sagt nichts über die Stärke dieses Rechts aus und auch nicht über mögliche Gründe zu seiner Verdrängung. Die meisten Verfechter einer Reglementierung von Schusswaffen würden nicht bestreiten, dass ein Anscheinsrecht auf Waffenbesitz besteht, sondern behaupten, dass es sich um ein untergeordnetes Recht handele, und dass privater Waffenbesitz vergleichsweise sehr großen Schaden anrichte. [304]
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