Einleitung  Hauptseite Gibt es ein Anscheinsrecht auf Waffenbesitz? 
Gibt es ein Recht,
Schusswaffen zu besitzen?
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2 Vorläufige Bemerkungen über Rechte

2.1 Annahmen über die Natur von Rechten

Ich fange mit einigen allgemeinen Bemerkungen über den moralischen Rahmen an, den ich voraussetze. Ich nehme an, dass Menschen zumindest einige moralische Rechte besitzen, die logisch den Gesetzen vorhergehen, die der Staat erlässt, und dass diese Rechte Schranken dafür setzen, welche Art von Gesetzen erlassen werden soll. Ich nehme an, dass wir uns an unsere Intuition richten dürfen, um einige dieser Rechte zu finden. Ein Beispiel [298] ist das Recht, keiner körperlichen Gewalt ausgesetzt zu werden: Intuitiv ist es, ceteris paribus [also unter gewöhnlichen Umständen, A. d. Ü.], falsch für Menschen einander Gewalt anzutun, und das beschränkt, welche Art von Gesetzen moralisch erlassen werden dürfen. Es erklärt beispielsweise, warum der Staat kein Gesetz erlassen darf, demzufolge wöchentlich in jedem Bezirk eine Person zufällig herausgegriffen und ausgepeitscht wird.
Ich würde weiter annehmen, dass wir normalerweise ein Recht haben, zu tun wie uns beliebt, solange kein Grund vorliegt, aus dem uns das nicht gestattet sein sollte; und somit derjenige, der uns das Recht auf eine bestimmte Handlung abspricht, die Beweislast trägt, Gründe gegen das betreffende Recht anzuführen. Umgekehrt muss derjenige, der ein Recht behauptet, nur auf diese angeblichen Gründe eingehen.[2] [2] zur „Vermutung zugunsten der Freiheit“ siehe Joel Feinberg, Harm to Others: The Moral Limits of the Criminal Law (Oxford: Oxford University Press, 1984), S. 9
Welche Art von Gründen würde zeigen, dass wir kein Recht haben, eine bestimmte Handlung auszuführen? Ziehen wir drei relevante Möglichkeiten in Betracht:
  1. Plausibel ist, dass wir noch nicht einmal ein Anscheinsrecht haben, Dinge zu unternehmen, die anderen schaden, oder sie als bloßes Mittel gebrauchen oder sie ohne deren Einwilligung gebrauchen. Ich habe also keinerlei Anspruch darauf (im Unterschied zu einem Anspruch, der hinter anderen Ansprüchen zurückstehen muss), dass mir gestattet wird, andere Leute zu verprügeln oder auszurauben.
  2. Vielleicht haben wir kein Anscheinsrecht, etwas zu unternehmen, das andere – wenn auch ungewollt – hohen Risiken aussetzt, selbst wenn diese Risiken nicht eintreten. Wenn meine bevorzugte Art der Freizeitgestaltung beinhaltet, dass ich mitten im Wohngebiet mit meinem Gewehr ziellos umher schieße, obgleich ich nicht darauf aus bin, jemanden zu treffen, wird mein angebliches Recht, mich zu amüsieren, zumindest verdrängt, vielleicht aber auch gänzlich ausradiert aufgrund der Gefahr für andere.
  3. Vielleicht haben wir kein Anscheinsrecht, etwas zu unternehmen, das dem vernünftigen Anschein nach von der Absicht zeugt, anderen zu schaden oder sie unerträglichen Risiken auszusetzen. Beispielsweise darf ich nicht mit gezücktem Schwert auf Sie zu rennen, selbst wenn ich tatsächlich nicht beabsichtige, Sie zu verletzen. Das Prinzip erklärt außerdem, warum wir Leute dafür bestrafen, dass sie Straftaten nur versuchen oder sich zu ihnen verabreden.
Es mag andere Arten von Gründen dafür geben, eine Handlung von der Annahme zugunsten der Freiheit auszunehmen. Die obige Liste scheint jedoch die Gründe abzudecken, die für den Bestand eines Rechts, Schusswaffen zu besitzen, relevant sein könnten. Ich nehme insbesondere an, dass die folgende Art von Überlegungen nicht ausreicht, um ein Anscheinsrecht, A zu tun, abzulehnen: Dass eine unauffällige Korrelation zwischen dem Ausführen von A und dem Ausführen anderer unrechtmäßiger Handlungen besteht.[3] [3] Sie mag jedoch einen Ansatz zur Verdrängung eines Anscheinsrechts liefern, A zu tun. Siehe §2.2↓ unten. Nehmen wir zur Erläuterung an, dass Leser des Kommunistischen [299] Manifests etwas eher als der Durchschnittsbürger versuchen, die Regierung gewaltsam umzustürzen. (Dies könnte daran liegen, dass solche Leute eher zuvor schon Umsturzpläne hegen, und/oder daran, dass das Lesen des Buches gelegentlich Leute dazu bringt, solche Pläne zu schmieden.) Ich nehme an, dass dies nicht zeigen würde, dass es kein Anscheinsrecht gibt, das Kommunistische Manifest zu lesen, obwohl die Lage vielleicht anders wäre, wenn das Lesen des Manifestes eine sehr starke Tendenz hätte, revolutionäre Anstrengungen zu verursachen, oder wenn das Auftreten dieser Wirkung nicht von weiteren freien Willensentscheidungen seitens des Lesers abhinge.

2.2 Um welche Art von Recht handelt es sich beim Recht auf Waffenbesitz

Erstens unterscheide ich zwischen grundlegenden und abgeleiteten Rechten. Ein Recht ist abgeleitet, wenn zumindest ein Teil seines Gewichts aus der Beziehung zu einem anderen unabhängigen Recht herrührt. Ein Recht ist grundlegend, wenn es unabhängig von anderen Rechten Kraft besitzt. Gemäß dieser Definitionen kann ein Recht sowohl grundlegend als auch abgeleitet sein. Für gewöhnlich bezieht sich ein abgeleitetes Recht dadurch auf grundlegende Rechte, dass es als Mittel zu deren Schutz oder Durchsetzung dient, was allerdings nicht die einzige Art sein muss, in der ein Recht abgeleitet sein kann. Ich behaupte, dass das Recht, Schusswaffen zu besitzen, sowohl grundlegend als auch abgeleitet ist; sein abgeleiteter Aspekt, vom Recht auf Selbstverteidigung her, ist jedoch am bedeutendsten.
Zweitens unterscheide ich zwischen uneingeschränkten Rechten und Anscheinsrechten (Prima-Facie-Rechten). Ein uneingeschränktes Recht verfügt über eine überragende Bedeutung, so dass keine Beweggründe seine Verletzung rechtfertigen können. Einem Anscheinsrecht muss ein gewisses Gewicht im moralischem Entscheidungsprozess beigemessen werden, aber es kann durch ausreichend wichtige entgegenstehende Überlegungen verdrängt werden.[4] [4] Vergleiche David Ross’ Begriff der „Anscheinspflicht“ (in The Right and the Good, Indianapolis: Hackett, 1988, S. 19f), aber beachten Sie, dass (entgegen des Eindrucks, der durch den Vergleich mit Ross entsteht) es sich – so wie ich den Ausdruck verwende – bei einem Anscheinsrecht um ein echtes Recht handelt, nicht bloß um etwas, das für gewöhnlich ein Recht ist. Wenn also Stehlen aus einem genügend wichtigen Grund erlaubt wäre, etwa um jemandem das Leben zu retten, dann wären Eigentumsrechte nicht uneingeschränkt, sondern gälten allenfalls dem Anschein (prima facie) nach. Es ist zweifelhaft, ob uneingeschränkte Rechte existieren. Jedenfalls empfehle ich keinerlei uneingeschränkten Rechte. Ich behaupte lediglich, dass ein starkes Anscheinsrecht besteht, Schusswaffen zu besitzen.
Es ist wichtig, zwischen Fällen zu unterscheiden, bei denen ein Anscheinsrecht verdrängt wird, von solchen, bei denen eine Ausnahme vom Geltungsbereich eines Rechts vorliegt. Bildlich gesprochen liegt der Unterschied im Entfernen einer Sache aus der moralischen Waagschale einerseits und dem Platzieren von etwas Schwererem in der zweiten Waagschale andererseits. Zur Veranschaulichung des Unterschiedes nehmen wir an, es sei zulässig, einen Angreifer zur Selbstverteidigung zu töten. [300] Dies mag eher durch eine Ausnahme vom Recht auf Leben zutreffen (der Angreifer verliert zeitweise sein Recht, nicht von seinem auserkorenen Opfer getötet zu werden) als durch eine Verdrängung des Rechts auf Leben des Angreifers. Dies ist plausibel, weil die Zulässigkeit einer Tötung zur Selbstverteidigung nicht davon abhängt, dass der Verteidiger entweder ein stärkeres Recht auf Leben hat als der Angreifer oder ein wertvolleres Leben als der Angreifer.[5] [5]  Vergleichen Sie Judith Jarvis Thomsons Einwände zur Verdrängungstheorie (1986, „Self-Defense and Rights“, 33–48 in Rights, Restitution, and Risk. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, S. 42–44). Von den Ansätzen zur Selbstverteidigung, die Thomson bespricht, kommt die „sachliche Spezifikations“-Sicht meiner am nächsten; ich ziehe es jedoch vor, statt zu sagen, jemand verfüge nicht über das Recht auf Leben, lieber vom „Ceteris-Paribus“-Recht auf Leben zu sprechen (unter sonst gleichen Bedingungen ist es falsch für andere, jemanden zu töten). Die Schwierigkeit, alle Ausnahmen aufzuzählen, welche Thomson anführt (S. 38–39), ist nicht schlüssig, denn Ceteris-Paribus-Einschränkungen kommen in philosophischen und sonstigen Grundsätzen häufig vor, und wir erwarten selten die Angabe aller Ausnahmen. Nehmen wir dagegen an, es sei zulässig, einen Unschuldigen zu töten, um tausend anderen das Leben zu retten. In diesem Fall ist plausibel, dass es sich um eine Verdrängung seines Rechts auf Leben handelt statt um eine Ausnahme in seinem Recht auf Leben. In unserem zweiten Fall aber nicht im ersten würden wir nach wie vor sagen, dass die Rechte der getöteten Person verletzt wurden.
Daher erschöpfen die Gründe, die in §2.1↑ für die Weigerung, ein Anscheinsrecht für eine Handlung anzuerkennen, diskutiert wurden, nicht die möglichen Gründe dafür, eine bestimmte Handlung nicht zu erlauben. Wenn keiner der Gründe ersterer Art auf eine gegebene Handlung passt, dann besteht ein Anscheinsrecht, die Handlung auszuführen, aber dieses Recht kann immer noch durch entgegenstehende Gründe verdrängt werden.

2.3 Abwägung von Rechten

Je mehr Gewicht einem Recht zukommt, desto schlimmer ist dessen Verletzung, und um so schwieriger ist es, das Recht zu verdrängen. Ich gehe von drei leitenden Prinzipien zur Gewichtung von Rechten aus. Erstens nimmt – ceteris paribus [also unter sonst gleichen Umständen, A. d. Ü.] – das Gewicht eines grundlegenden Rechts mit seiner Bedeutung für die Pläne einer Person hinsichtlich ihres eigenen Lebens und anderer Zwecke zu. Das heißt nicht, dass jede Handlung, die den Zielen eines Menschen zuwider läuft, eine Rechtsverletzung ist, sondern nur dass falls sie ein Recht verletzt, diese Verletzung um so schlimmer ist, je mehr sie den Zielen des Opfers zuwider läuft.
Bei einigen Theorien des Eigennutzes können die eigenen Absichten von den eigenen Interessen abweichen.[6] [6] Siehe Derek Parfits Besprechung der Bedürfniserfüllungstheorie, der hedonistischen Theorie und der Ziellistentheorie (in Reasons and Persons, Oxford: Clarendon Press, 1987, S. 4). Die beiden letzteren lassen zu, dass Interessen und Absichten einer Person voneinander abweichen. In solchen Fällen bin ich der Ansicht, dass das Gewicht eines Rechts zumindest teilweise anhand der Ziele des Rechteinhabers bestimmt werden soll und nicht [301] bloß anhand der tatsächlichen Interessen des Rechteinhabers.[7] [7] Dies hebt sich von der Sicht ab, welche Todd Hughes und Lester Hunt („The Liberal Basis of the Right to Bear Arms“, Public Affairs Quarterly 14, 2000, S. 7) vorschlagen: „Angenommen die Stärke der Gründe zur Anerkennung eines Rechts seien proportional zur Wichtigkeit der menschlichen Interessen, die es schützt.“ Beachten sie jedoch, dass die Argumente, welche sie in jenem Abschnitt vorbringen, ebenso gut auf mein Verständnis von Rechten passt. Betrachten wir, um diese Ansicht zu begründen, ein Beispiel: Stellen Sie sich einen Gesetzesvorschlag vor, der alle homosexuellen Beziehungen verbietet. Angenommen dessen Befürworter bringen vor, es handele sich bei dem Gesetz allenfalls um eine unbedeutende Rechtsverletzung, weil homosexuelle Beziehungen schlecht seien, und Homosexuelle sich irrten, wenn sie meinen, diese Beziehungen lägen in ihrem eigenen Interesse.[8] [8] Dieser Schluss ist fragwürdig: Vielleicht kann ein Mensch ein Interesse zu etwas moralisch Schlechtem haben. Aber nehmen wir an, die Befürworter behaupten, dies träfe hier nicht zu, vielleicht weil man ein aufhebendes Interesse hat, tugendhaft zu sein. Ohne in eine Diskussion über den Wert von Homosexualität einzutreten, können wir intuitiv sagen, dass das Argument der Befürworter ungültig ist: das Gesetz wäre anscheinend eine bedeutende Einschränkung der Bürgerrechte von Homosexuellen, unabhängig davon ob Homosexualität gesund oder tugendhaft ist.[9] [9] Der Zweck des Beispiels mag durch Unglauben gegenüber den anti-homosexuellen Prämissen vernebelt werden. Aber man kann Beispiele von Paaren finden (egal ob homo- oder heterosexuell), deren Beziehungen ihnen emotional selber schadet, und ich nehme an, dass selbst in solchen Fällen ein gewaltsamer Eingriff in solche Beziehungen keine Bagatellverletzung des Rechts wäre. Dies lässt sich am besten durch die Hypothese erklären, dass Rechte dem Schutz der persönlichen Autonomie dienen, das heißt der Fähigkeit, die eigenen Pläne für das eigene Leben zu verfolgen, statt dem Schutz der eigenen Interessen aus der Warte eines Dritten.
Zweitens steigt im Falle eines abgeleiteten Rechts der Ernst seiner Verletzung gemäß der Bedeutung des anderen Rechts, dem es dienlich ist. Daher ist unter sonst gleichen Umständen ein abgeleitetes Recht, das dazu dient, das Recht auf Leben zu schützen, wichtiger als eines, welches das Recht auf Eigentum schützt.
Drittens hängt der Ernst der Verletzung eines abgeleiteten Rechts außerdem davon ab, wie wichtig das abgeleitete Recht für die anderen Rechte ist, denen es dient. Beispielsweise ist die Zensur von regierungskritischen Büchern eine schlimmere Verletzung des Rechts auf Meinungsfreiheit als eine Zensur pornographischer Erzeugnisse, weil die Möglichkeit, politische Kritik zu veröffentlichen, wichtiger für den Schutz anderer Rechte ist als die Möglichkeit, Pornographie zu veröffentlichen.
Eine schlimme Rechtsverletzung ist daher nicht gleichbedeutend mit der Verletzung eines wichtigen Rechts. Man kann ein wichtiges Recht geringfügig verletzen, was nur eine mittelschlimme Rechtsverletzung zur Folge hat. Bei den schlimmsten Rechtsverletzungen handelt es sich um diejenigen, welche wichtige Rechte erheblich verletzen. [302]
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