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Lob der Untätigkeit
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2 Wovon wir nichts verstehen

2.1 Die Unkenntnis der Öffentlichkeit in Bezug auf das politische System

Viele Beobachter kommen zu dem Schluss, dass die Bürger in heutigen Demokratien erschreckend wenig Ahnung über die politische Lage ihrer eigenen Gesellschaft haben. In den Vereinigen Staaten, über welche am meisten Daten verfügbar sind, kennen die meisten Bürger noch nicht einmal den Namen ihres Kongressabgeordneten geschweige denn sein Abstimmungsverhalten. Viele kennen grundlegende Verfassungsbestimmungen nicht, etwa die Dauer einer Legislaturperiode.[6] Michael Delli Carpini und Scott Keeter vermitteln einen Eindruck des politischen Wissensstands der Öffentlichkeit in Amerika:
Während George [H.W.] Bushs Präsidentschaft war von seinen Meinungen der Umstand am bekanntesten, dass er Brokkoli hasste. Bei seiner Kandidatur 1992 wussten 89 % der Öffentlichkeit, dass Vizepräsident Quayle sich mit der Fernsehbekanntheit Murphy Brown eine Fehde lieferte, aber nur 19 % konnten Bill Clintons Bilanz in Umweltfragen beschreiben. Ebenfalls während dieser Kandidatur wussten 86 % der Öffentlichkeit, dass Bushs Hund Millie hieß, doch nur 15 % wussten, dass beide Kandidaten die Todesstrafe befürworteten. Judge Wapner (Gastgeber der Fernsehserie „Das Volksgericht“) wurde von mehr Leuten erkannt als die obersten Richter Burger bzw. Rehnquist.[12]
Internationale Zahlen deuten darauf hin, dass das politische Wissen der Amerikaner nur geringfügig unterhalb des Durchschnitts liegt.[12]
Wähler hegen oft absurde Vorstellungen in Bezug auf die aktuelle und neueste Politik. In einer Umfrage wurden Amerikaner gebeten, die zwei größten Posten des Bundeshaushalts aus folgender Liste zu benennen: Sozialversicherung, Sozialhilfe, Gesundheitswesen, Zinslast, Militär und Entwicklungshilfe. Entwicklungshilfe (der mit Abstand kleinste Posten der Liste) wurde am häufigsten genannt.[6] Im Mittel schätzen sie den Anteil der Entwicklungshilfe am Bundeshaushalt auf ein Viertel. Die richtige Zahl liegt bei unter 1 %.[25]
In Amerika hörte man in den 1980ern gemeinhin entweder Lob oder Kritik für die drastischen Einschnitte, welche Präsident Reagan bei den Sozialausgaben vorgenommen habe. Diese zählten zu Reagans bekanntesten Leitlinien trotz der Tatsache, dass öffentlich verfügbare Statistiken zeigen, dass die Sozialausgaben des Bundes unter Reagan um 40 % zugenommen haben. Auf ähnliche Weise wurde oft über die Bush-Regierung hergezogen wegen ihrer angeblich drastischen Deregulierung, obwohl unter Bush die Gesamtausgaben stark gestiegen sind ebenso wie Ausgaben und Stellenbestand der Regulierungsbehörden, und die Regulierungsdichte stark zugenommen hat.[11]

2.2 Beschreibende Gesellschaftstheorie: Die Vernachlässigung von Fachwissen

Glücklicherweise stößt man auf einigen Gebieten der Gesellschaftstheorie auf einen klaren, politisch relevanten Konsens unter den Fachleuten. Bedauerlicherweise setzen sich häufig sowohl Spitzenpolitiker als auch die Allgemeinheit dreist über ihn hinweg. Ich nenne an dieser Stelle zwei Beispiele. Beim ersten handelt es sich um die Schutzzollpolitik. Dabei versuchen Regierungen, ihre heimische Industrie durch Handelsschranken zu schützen, welche typischerweise die Form von Zöllen oder Einfuhrquoten auf ausländische Güter annehmen. Derlei Maßnahmen sind häufig bei Spitzenpolitikern und der Allgemeinheit beliebt und nicht nur unter den Angehörigen der geschützten Industriezweige – ja sogar unter den Kunden, welchen die Einfuhrbeschränkungen schaden. Wir können hier nicht auf die Argumente [14] bezüglich Freihandel und Schutzzollpolitik eingehen, so dass ich mich schlicht auf Fachautorität berufe. Die überwältigende Mehrheit der Volkswirte, Leute deren Beruf darin besteht, derlei Fragen nachzugehen, lehnen Schutzzollpolitik ab und glauben, sie schade der heimischen Industrie.[2] [2] Zur Beliebtheit der Schutzzollpolitik in der Öffentlichkeit und deren Ablehnung unter Volkswirten siehe Caplan (2007, S. 50–51). Paul Krugman – Nobelpreisträger, Volkswirt und Leitartikelschreiber der New-York-Times – drückt es so aus: „Gäbe es ein Glaubensbekenntnis der Volkswirte, enthielte es mit Sicherheit die Formeln ‚Ich verstehe das Prinzip des komparativen Kostenvorteils.‘ und ‚Ich trete für Freihandel ein.‘“[3] [3] Krugman (1987, S. 131). Krugman fährt damit fort, gängige Argumente für den Freihandel zu kritisieren, kommt aber nichtsdestotrotz zu dem Schluss, dass Freihandel wahrscheinlich insgesamt wünschenswert ist.
Meiner Erfahrung nach ziehen derartige Überlegungen oft den Hohn felsenfest überzeugter ideologischer Freihandelsgegner auf sich, welche ohne einen Anflug von Ironie die Befürworter des Freihandels als „Marktradikale“ bezeichnen und damit im Grunde den Fachkonsens einer rechtsgerichteten Ideologie zuschreiben, der sich die Volkswirte verschrieben hätten.[22] Demnach fiele es schwer zu verstehen, warum selbst linksgerichtete Volkswirte wie Paul Krugman, bekannt für seine Befürwortung einer staatlichen Leitung der Wirtschaft,[21] sich diesem Konsens anschließen. Wenn Fachleute aus entgegengesetzten politischen Lagern sich in einer bestimmten Frage einig sind und dabei hergebrachten Meinungen widersprechen, wer unterliegt dann eher einer kognitiven Verzerrung: die Expertengemeinde oder die ungebildeten Massen?
Ein zweites Beispiel besteht im Terrorproblem, welches sich in Amerikas politischem Diskurs der letzten elf Jahre deutlich abzeichnet. Eine einfache Sachfrage ist dabei von besonderem Interesse: Worin besteht das Motiv der meisten Terroristen? Fachleute, deren Laufbahn sich um die Untersuchung von Terrorismus dreht, stimmen darin überein, dass dieser als Vergeltungsmaßnahme für eine bestimmte Regierungspolitik dient insbesondere für die fremdländische militärische Besetzung von Gebieten, welche die Terroristen schätzen.[27][1] Daher schrieb Osama bin Laden in seiner Fatwa gegen die Vereinigten Staaten:
Das islamische Volk ist erwacht und merkt, dass es das Hauptziel der Angriffe der Allianz zwischen Zionisten und Kreuzfahrern ist. […] Der jüngste und größte dieser Angriffe […] besteht in der Besetzung des Landes der zwei heiligen Stätten [Saudi-Arabien] […] durch die Armeen der amerikanischen Kreuzfahrer und ihrer Verbündeten.[15]
Spitzenpolitiker in Ländern, die von Terrorangriffen betroffen sind, schreiben diese jedoch typischerweise einem grundlegenden und unversöhnlichen Zusammenprall von Werten zu, der moralischen Tugend ihres eigenen Landes und der blanken Bosheit der Terroristen. So erklärte US-Präsident George W. Bush kurz nach den berüchtigten Anschlägen vom 11. September 2001 die Ereignisse wie folgt:
Sie hassen unsere Freiheit: Unsere Religionsfreiheit, unsere Meinungsfreiheit, unsere Freiheit, wählen zu gehen, sich zu versammeln und zu widersprechen. […] Diese Terroristen töten nicht nur, um Leben zu beenden, sondern um eine Lebensart zu zerstören und auszulöschen. […] Dies ist der Kampf der Zivilisation. Dies ist der Kampf aller, die an Fortschritt und Pluralismus glauben und an Toleranz und Freiheit.[5]
Der nachfolgende amerikanische Präsident, Barack Obama, machte einen Mangel an Gefühlen und Werten für die Anschläge verantwortlich:
Und ich gebe auch nicht vor, den blanken Nihilismus zu verstehen, der die Terroristen an jenem Tag antrieb und ihre Brüder immer noch antreibt. Mein Einfühlungsvermögen […] vermag nicht hinter den leeren Blick jener zu dringen, die Unschuldige mit kalter ruhiger Genugtuung ermorden.[26]
Also lautet die bevorzugte Erklärung dafür, weshalb das eigene Land zum Anschlagsziel wurde, dass der Feind entweder keine Werte habe, oder seine Werte grundlegend böse seien. Die selbstgerechte Natur dieser Erklärungen ist so offensichtlich, wie es die bedauerlichen Konsequenzen dieser Haltung für die Aussicht sind, [15] internationale Konflikte friedlich beizulegen.
Die Fragen der Schutzzollpolitik und des Terrorismus veranschaulichen lediglich ein allgemeines Problem. Selbst wenn Fachleute die Antwort auf eine politische Frage kennen, nützt dieses Wissen der Gesellschaft nichts, falls es – wie so oft – Laien und Spitzenpolitiker hartnäckig missachten.

2.3 Beschreibende Gesellschaftstheorie: Die Grenzen des Fachwissens

Angesichts der Unwissenheit typischer Spitzenpolitiker und der breiten Öffentlichkeit erscheint die Idee einer Expertenregierung, wie in Platos Republik, verlockend.[28][4] Bedauerlicherweise nimmt sich hinsichtlich der beschreibenden Gesellschaftstheorie selbst der Sachverstand der Fachleute bescheiden aus, wie der Gesellschaftspsychologe Phillip Tetlock unlängst gezeigt hat. Er führte eine Studie über 15 Jahre durch, bei der er zehntausende von Vorhersagen von hunderten Politikexperten sammelte, die in ihr Themengebiet fallen (z. B. Schlittert die Wirtschaft in eine Rezession? Hält die Sowjetunion? Wer gewinnt die nächste Präsidentschaftswahl? Usw.). Kurz gesagt kam Tetlock zu dem Ergebnis, dass die besten Fachleute kaum bessere Vorhersagen lieferten als Würfeln. Wenn man sie darum bat, Wahrscheinlichkeiten für ihre Vorhersagen zu nennen, überschätzten sie ihre Fähigkeiten regelmäßig; beispielsweise traten Ereignisse, denen 100%ige Sicherheit bescheinigt wurde, in weniger als 80 % der Fälle ein.[34]
Worin die Experten wirklich gut waren, war das Rationalisieren ihrer Fehlschläge. Tetlock führt eine Reihe von Rechtfertigungen an, mit denen Fachleute häufig ihr Glaubenssystem verteidigen, um ihre Überzeugungen von der Widerlegung durch misslungene Vorhersagen auszunehmen. Sie behaupteten häufig, dass ihre zugrundeliegenden Überzeugungen nicht widerlegt wurden, weil ihre Vorhersage beinahe eingetreten sei, weil sie nur widriger Umstände halber misslungen sei, weil sie nur zeitlich daneben liege (und das vorhergesagte Ereignis noch eintreten werde), weil eine Maßnahme die angenommene Wirkung nur aufgrund ihrer schlechten Umsetzung verfehlt habe, usw. Tetlock merkt an, dass niemand seine erfolgreichen Vorhersagen in ähnlicher Weise weggeredet habe. Niemand habe je erklärt, dass eine erfolgreiche Vorhersage die zugrundeliegenden Behauptungen nicht stütze, weil die Vorhersage beinahe schief ging, weil sie nur durch Zufall eintrat, oder weil eine Maßnahme die angenommene Wirkung nur aufgrund der schlechten Umsetzung erzielt habe.
Tetlock konnte nur die Treffgenauigkeit von Überzeugungen einer bestimmten Art untersuchen; nämlich Vorhersagen, die sich in einem festen Zeitrahmen eindeutig beurteilen lassen. Beispielsweise kann man die Zuverlässigkeit von Experten bei der Vorhersage von Wahlergebnissen objektiv testen. Es gibt viele andere Überzeugungen, die sich nicht testen lassen. Wir können keine Vorhersagen über unbestimmte oder sehr lange Zeiträume testen – wie etwa „Eines Tages geht der Welt das Erdöl aus.“ oder „Die EU wird in 200 Jahren zusammenbrechen.“ Wir können keine wagen und subjektiven Vorhersagen testen – wie etwa „Der nächste Präsident wird schlimmer sein als der Jetzige.“ Wir können keine Behauptungen prüfen, die sich auf unbeobachtbare Ereignisse beziehen – wie in „Die Konjunkturspritze verlängert die Rezession im Vergleich dazu, wie lange sie sonst gedauert hätte.“ Und andere Behauptungen lassen sich aus unterschiedlichsten Gründen sehr schwer klären – wie etwa „Der Zweite Weltkrieg wurde hauptsächlich durch die Schmach von Versailles verursacht.“ oder „Eine anarchosyndikalistische Gesellschaft ist jeder Staatlichen überlegen.“
Könnte es vielleicht sein, dass Fachleute sehr zuverlässige Überzeugungen hinsichtlich dieser unüberprüfbaren Fragen haben? Es besteht kein Grund zu dieser Annahme. Wenn sich jemand als unzuverlässig erweist, sobald man seine Behauptungen tatsächlich prüft, dann ist es für gewöhnlich vernünftig, ihn auch für unzuverlässig zu halten im Hinblick auf Fragen, die man nicht geprüft hat. Es erscheint eher schwieriger, zutreffende Behauptungen unüberprüfbarer Art aufzustellen wegen der großen Rolle der Subjektivität und der Schwierigkeit, das eigene Urteilsvermögen durch Erfahrung zu schärfen. Daher sind Fachleute vermutlich sogar noch unzuverlässiger, was solch unüberprüfbare Fragen anbelangt. [16]

2.4 Wertendes Wissen

Die letzte Art von Wissen, welche wir für politische Entscheidungen benötigen, fällt in den Bereich der Philosophen: wertendes Wissen. Diese Art Wissen ist ebenfalls schwer zu prüfen; es mag tatsächlich grundsätzlich unüberprüfbar sein. (Natürlich denke ich dabei nicht an die Prüfung der Frage, ob eine Maßnahme das gewünschte Ergebnis hat, sondern ob ein Ergebnis als gut, gerecht, usw. zählt.) Wie zuverlässig sind wir in diesen Fragen?
Es gibt keine allgemein anerkannte Theorie – weder unter gewöhnlichen Leuten noch unter Experten – für irgendeine der zentralen wertenden Kategorien moralischer oder politischer Philosophie. Es gibt keine allgemein anerkannte Theorie des Guten, des Richtigen, der Gerechtigkeit, der Autorität, der Menschenrechte, der Gleichheit oder der Freiheit. Obschon Philosophen im Allgemeinen darin übereinstimmen, dass Gleichheit in irgendeinem Sinne ein wichtiger politischer Wert sei, können sie sich nicht darauf einigen, was dies bedeutet. Bedeutet es, dass ein Gesellschaftssystem danach streben soll, Wohlstand und Chancen anzugleichen? Bedeutet es lediglich, dass ein Gesellschaftssystem die Belange jedes Menschen in gleicher Weise berücksichtigen soll? Oder dass ein Gesellschaftssystem die gleichen Rechte für alle anerkennen soll? Gleichfalls erkennt zwar jedermann an, dass eine Gesellschaft Gerechtigkeit anstreben soll, aber wir können uns nicht über so grundlegende Fragen einig werden wie jene, ob Gerechtigkeit Vergeltung für Verbrechen erfordert, und ob sie Vorrang für die am stärksten Benachteiligten fordert. Die meisten Philosophen befürworten den Begriff der Menschenrechte, obwohl die bekannteste systematische Moraltheorie, der Utilitarismus, die Idee ablehnt. Unter jenen, die an Rechte glauben, besteht grundlegender Streit darüber, wer welche Rechte hat. Die bloße Masse der Streitpunkte in der politischen Philosophie belegt, dass Menschen darin höchst unzuverlässig sind, selbst wenn es sich um die gebildetsten, intelligentesten und erkenntnistheoretisch firmsten Fachleute handelt.
Wir könnten zu der Ansicht neigen, dass wir selbst die richtigen Antworten haben im Unterschied zu anderen Leuten, die in wertenden Fragen unzuverlässig sind. Wir könnten diese Behauptung mit philosophischen Argumenten untermauern, wie sie gerade in philosophischen Auseinandersetzungen auftauchen, wenn Philosophen sie in Büchern und Aufsätzen in ethischen und philosophischen Zeitschriften vorstellen. Selbstverständlich kann ich diesen Streit nicht beilegen, denn dies bedürfte einer Folge philosophischer Aufsätze, welche beinahe jedes Argument des ethischen und philosophischen Schrifttums widerlegen. Nichtsdestotrotz würde ich vorschlagen, dass wir sehr misstrauisch gegenüber jedem Versuch sein sollten, uns als Ausnahme zu sehen bloß anhand von Argumenten, die regelmäßig in der philosophischen Literatur erscheinen und nur eine Minderheit der Fachwelt überzeugen. Man könnte beispielsweise von sich behaupten, über außergewöhnlich zuverlässige politische Ansichten zu verfügen, weil diese von Parteien empfohlen würden, die hinter dem „Schleier der Unwissenheit“ verhandelten (um Rawls Methodenlehre zu beschwören).[29] Dies bedeutet, sich auf ein Argument zu berufen, das nur einige Fachleute überzeugend finden, wogegen andere Fachleute sich auf andere Arten von Argumenten berufen, die zu abweichenden Schlüssen führen. Wenn wir keinen unabhängigen Grund für die Erwartung haben, unser eigenes philosophisches Urteil sei dem anderer Fachleute überlegen (beispielsweise sind wir nicht nachweislich schlauer, gebildeter oder vernünftiger als andere), dann sollten wir von uns selbst annehmen, dass wir denselben Einflüssen unterliegen, die andere in Bezug auf politische Philosophie unzuverlässig machen, worin diese auch bestehen mögen.

2.5 Was wir wissen

Ich bestreite nicht, dass wir über wichtiges politisches Wissen verfügen. Ich meine, wir wissen, dass Sklaverei Unrecht ist, dass Demokratie besser als Diktatur ist, dass Folter nahezu immer verwerflich ist, und dass Markt- besser als Planwirtschaft funktioniert. Bei jedem dieser Punkte handelt es sich um einen äußerst wichtigen Wissensbaustein. Jeder von ihnen trägt dazu bei, dass es den Menschen heute sehr viel besser geht als in der Vergangenheit. Mein Standpunkt ist nur, dass unser politisches Wissen sehr begrenzt ist. Es gibt sehr viel unverstandene Dinge, bei denen die Menschen oft handeln, als wüssten sie Bescheid. Sie verteidigen lautstark eine Maßnahme, wenngleich sie keine [17] Ahnung von der diesbezüglichen Fachliteratur haben. Wir sagen häufig kühn die Zukunft vorher oder wählen auf Grundlage unserer Vorhersagen in Sachgebieten, bei denen die Zukunft tatsächlich unvorhersehbar ist. Wir verteidigen weltanschauliche Standpunkte auf Grundlage vager und umstrittener Werturteile. Fachleute, Anführer und Laien verstehen etwas von Politik, jedoch nicht annähernd so viel, wie sie glauben.
Woran können wir echtes politisches Wissen festmachen? Ich kann keine genaue und vollständige Antwort auf diese Frage geben. Dennoch lassen sich einige allgemeine Leitlinien ausmachen. Echtes politisches Wissen ist eher:
  1. einfach. Z. B. „Nachfragefunktionen sind fallend.“ Je komplizierter eine Theorie ist, desto fehleranfälliger ist sie.
  2. von Fachleuten anerkannt. Z. B. besteht in der Volkswirtschaftslehre ein breiter Konsens, dass keine Schutzzollpolitik anzustreben ist. Wenn eine Theorie gut begründet ist, dann wird die große Mehrheit vernünftiger und kluger Menschen sie für gewöhnlich akzeptieren, sobald sie die Gründe verstanden hat.
  3. ideologiefrei. Bei emotional aufwühlenden Theorien mit ideologischem Einschlag handelt es sich eher um Scheinwissen z. B. bei der Theorie, dass Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern nur gesellschaftlich bedingt seien. Die Wirklichkeit hält sich wahrscheinlich nicht an die Ideologie.
  4. weich. Z. B. wissen wir nicht, dass Märkte immer vollkommen effizient sind. Wir können nur sagen, dass Märkte für gewöhnlich annähernd effizient sind.
  5. spezifisch und konkret. Man kann von einer konkreten Behauptung (etwa „Ted Bundys Morde waren verwerflich.“) sehr viel stärker überzeugt sein als von einer abstrakten Theorie (etwa „Es ist stets verwerflich, als erster Gewalt gegen eine andere Person anzuwenden.“)
  6. von geeigneten Belegen gestützt. Z. B. kann die Behauptung, Gewalt in den Medien führe zu mehr Gewaltverbrechen, ohne empirische Belege kein Wissen sein. In diesem Fall wäre eine Studie geeignet, die sich auf eine große Zufallsstichprobe stützt, im Gegensatz etwa zu einigen Anekdoten.
  7. nicht einem Gegenbeweis unterlegen. Wenn eine große Zahl von Belegen gegen P spricht, oder man nicht weiß, ob ein solcher Gegenbeweis existiert, dann weiß man P nicht. Wenn man z. B. mehrere Studien zugunsten der Waffenregulierung gelesen hat aber keine Literatur der Gegenseite, dann kann man nicht behaupten zu wissen, ob Waffenregulierung wünschenswert ist.
Betrachten wir nun die Behauptung, Demokratie sei besser als Diktatur. Diese schneidet anhand der vorstehenden Liste ganz gut ab. Es handelt sich um eine recht einfache Idee. Nahezu alle Fachleute der Politiktheorie schließen sich ihr an. Sie stützt sich auf reiche Erfahrung mit Demokratien und Diktaturen.[31] Gegenbeweise sind auch rar oder nicht vorhanden. Zugegeben schneidet sie in einigen Punkten schlecht ab: Es handelt sich um eine recht ideologische und starke Behauptung. Wie dieser Fall deutlich macht, sind bei echtem Wissen nicht stets alle Merkmale ausgeprägt; dennoch liegen sie bei einem echten Wissensbaustein tendenziell vor.
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