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Lob der Untätigkeit
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1 Einleitung

[12] Im Jahre 1799 erkrankte Amerikas erster Präsident George Washington – wie wir heute glauben – an einer Kehlkopfentzündung, einem seltenen aber ernsten Leiden, das zur Verengung der Atemwege bis hin zur Erstickung führen kann.[1] [1] Die Aufstellung basiert auf Vadakan 2005. Sein guter Freund und Leibarzt begleitete ihn gemeinsam mit zwei anderen beratenden Ärzten. Man versuchte es mit Arzneien und Packungen sowie fünf Aderlässen, bei welchen er insgesamt die Hälfte seines Blutes verlor. Ein zeitgenössischer Bericht führt aus: „Die richtigen Gegenmittel wurden angeordnet, ohne ihre heilende Wirkung zu entfalten.“[10] Der damalige Präsident starb kurz darauf. Es versteht sich, dass die Behandlung entweder wirkungslos war oder gar seinen Tod beschleunigte.
Washingtons Ärzte waren anerkannte Fachleute und wandten gängige medizinische Verfahren an. Warum konnten sie ihm nicht helfen? Schlicht und einfach, weil sie nicht wussten, was sie taten. Der menschliche Körper ist ein äußerst komplexer Mechanismus. Um ihn zu heilen, benötigt man im Allgemeinen ein umfassendes und präzises Verständnis über ihn und das Wesen der Erkrankung, welche ihn stört – ein Wissen, über das damals niemand verfügte. Ohne dieses Verständnis richtet nahezu jeder erhebliche Eingriff in den Körper Schaden an.
Heutzutage treten Wähler, Aktivisten und Spitzenpolitiker in die Rolle mittelalterlicher Ärzte. Sie vertreten einfache, vorwissenschaftliche Theorien über gesellschaftliche Mechanismen und die Ursachen gesellschaftlicher Probleme, aus denen sie eine Palette von Gegenmitteln ableiten, welche sich nahezu alle als unwirksam oder schädlich erweisen. Die Gesellschaft ist ein vielschichtiger Mechanismus, dessen Reparatur – sofern sie überhaupt möglich ist – ein tiefes und umfassendes Verständnis erforderte, über das heute niemand verfügt. So unbefriedigend es auch sein mag, besteht der weiseste Schritt für die Beteiligten des Politikbetriebs häufig schlicht darin, ihre Lösungsversuche für die Probleme der Gesellschaft einzustellen.
Nachstehend will ich diesen Standpunkt erläutern und verteidigen. In den folgenden Abschnitten werde ich das Ausmaß unserer politischen Unwissenheit besprechen sowie deren Ursachen und praktische [13] Empfehlungen, welche sich aus dieser tiefen und umfassenden menschlichen Unwissenheit in gesellschaftlichen Fragen ergeben.
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