Schädigung Dritter durch Drogen  Hauptseite Fazit 
Amerikas ungerechter Krieg
gegen die Drogen

3 Das Unrecht von Drogenverboten

Der Philosoph Douglas Husak bezeichnete Drogenverbote als das größte Unrecht, das in den Vereinigten Staaten seit dem Ende der Sklaverei verübt wurde. Das ist nicht übertrieben. Wenn die Drogengesetze Unrecht sind, dann befinden sich zu jedem Zeitpunkt 450.000 Menschen zu Unrecht hinter Gittern.
Warum sollte man die Drogengesetze für Unrecht halten? Husaks Überlegung beruft sich auf ein Prinzip, das die wenigsten ablehnen dürften: Der Staat begeht Unrecht, wenn er ohne guten Grund Menschen bestraft. Wir haben gesehen, dass die meistgenannten Gründe für Drogenverbote nicht stichhaltig sind. Wenn deren Verfechter nichts besseres vorbringen, dann müssen wir folgern, dass sie keine vernünftige Rechtfertigung für die Bestrafung von Drogenkonsumenten haben. Wir haben ohne guten Grund hunderttausende Menschen grundlegender Freiheiten beraubt und sie widrigen Bedingungen ausgesetzt.
Das ist bereits schlimm genug. Aber ich will etwas Stärkeres vertreten, nämlich dass wir nicht nur Menschen ohne guten Grund bestrafen, sondern dass wir sie für die Ausübung ihrer natürlichen Rechte bestrafen. Menschen haben das Recht, Drogen zu konsumieren. Dieses Recht gilt weder uneingeschränkt noch ausnahmslos: Nehmen wir beispielsweise an, es gäbe eine Droge, die nach der Einnahme bei einem erheblichen Anteil der Konsumenten dazu führt, dass sie unwillkürlich und unmotiviert andere Menschen angreifen. Ich meine, dass es Aufgabe des Staates wäre, den Konsum dieser Droge zu unterbinden. Doch keine vorhandene Droge passt auf diese Beschreibung. Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass die Drogengesetze klar weitaus mehr Kriminalität verursachen als die Drogen selber; worauf ich hier nicht näher eingehen kann.
Der Idee eines Rechts auf Drogenkonsum leitet sich von der Idee ab, dass Menschen ihren eigenen Körper besitzen. Das heißt, ein Mensch hat das Recht, die Herrschaft über seinen Körper auszuüben, einschließlich des Rechts, zu entscheiden, wie er benutzt wird, und andere von dessen Gebrauch auszuschließen, ähnlich wie das bei der Herrschaftsausübung über sein (sonstiges) Eigentum der Fall ist. Diese Aussage ist etwas vage, gleichwohl können wir die grundlegende Idee erkennen, welche die Moral des gesunden Menschenverstandes verkörpert. Gewiss erscheint es so, dass wenn man überhaupt ein Recht an etwas hat, es sich dabei um den eigenen Körper handeln muss. Dies erklärt, warum wir glauben, dass andere uns nicht körperlich angreifen oder entführen dürfen. Es erklärt, warum wir nicht akzeptieren, dass unwillige Probanden zu medizinischen Experimenten herangezogen werden. Selbst wenn diese Experimente zum Gemeinwohl beitragen, darf der Rest der Gesellschaft nicht beschließen, Ihren Körper ohne Ihre Einwilligung in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Es erklärt, warum [140] einige glauben, Frauen hätten ein Recht auf Abtreibung, und andere nicht. Erstere glauben, Frauen hätten ein Recht, mit ihrem eigenen Körper zu tun, was sie wollen. Letztere glauben, dass ein Fötus eine eigenständige Person sei, und eine Schwangere kein Recht habe, dessen Körper zu schaden. So gut wie niemand stellt in Frage, dass wenn es sich bei einem Fötus lediglich um einen Körperteil der Schwangeren handelt, diese dann ein Recht hat, sich für eine Abtreibung zu entscheiden. Ebenso stellt kaum jemand in Frage, dass wenn es sich bei einem Fötus um eine eigenständige Person handelt, die Schwangere dann kein Recht hat, ihn zu vernichten. Praktisch niemand stellt in Frage, dass Menschen ein Recht an ihrem eigenen Körper haben doch keines am Körper anderer Menschen.
Das Recht, die Herrschaft über den eigenen Körper auszuüben, darf nicht so verstanden werden, dass man ein Recht habe, den eigenen Körper in jeder erdenklichen Weise zu benutzen, ebensowenig wie man sein Eigentum auf jede erdenkliche Weise benutzen darf. Vor allem darf man seinen Körper nicht einsetzen, um damit anderen auf bestimmte Art zu schaden, wie man auch sein Eigentum nicht dazu verwenden darf, anderen zu schaden. Doch beim Drogengebrauch handelt es sich wohl um ein Paradebeispiel für die legitime Ausübung des Rechtes, den eigenen Körper zu steuern. Drogenkonsum findet im Körper des Konsumenten und dessen unmittelbarer Umgebung statt, und die spezifische Wirkung findet im Körper des Konsumenten statt. Wenn wir Drogenkonsum als bloße Änderung an Körper und Geist des Konsumenten auffassen, ist schwer einzusehen, wie irgendjemand, der überhaupt an Rechte glaubt, bestreiten könnte, dass dieser durch ein Recht geschützt ist, denn: (a) ist schwer einzusehen, wie jemand, der an Rechte glaubt, bestreiten könnte, dass Menschen ein Recht über ihren eigenen Körper und Geist haben, und (b) ist schwer einzusehen, wie jemand, der an solche Rechte glaubt, bestreiten könnte, dass Drogenkonsum, der als bloße Änderung an Körper und Geist des Konsumenten aufgefasst wird, ein Fall der Anwendung des eigenen Rechts über den eigenen Körper und Geist ist.
Betrachten wir zwei Einwände, die Verfechter eines Verbots anbringen können. Erstens können sie anführen, Drogenkonsum verändere nicht nur Körper und Geist des Konsumenten sondern schade auch dessen Familie, seinen Freunden und Kollegen sowie der Gesellschaft. Auf dieses Argument bin ich in Abschnitt 2↑ eingegangen. Dass eine Handlung als irgendwie „schädlich“ für andere bezeichnet werden kann, macht diese noch nicht strafwürdig. Wir brauchen hier nicht den Versuch unternehmen, ein allgemeines Kriterium dafür aufzustellen, welche Art Schäden eine Handlung strafwürdig machen; es reicht aus darauf hinzuweisen, dass bestimmte Arten von „Schäden“ existieren, welche praktisch niemand als strafwürdig erachtet – darunter die „Schäden“ für andere durch schlechte Schulleistungen, Unfähigkeit am Arbeitsplatz oder Gleichgültigkeit als Staatsbürger. Davon abgesehen stimme ich mit den Verfechtern des Verbots zumindest in Folgendem überein: Niemand sollte es erlaubt sein, unter dem Einfluss entsprechender Drogen ein Fahrzeug zu führen oder schwere Maschinen zu bedienen; Schwangeren sollte die Einnahme von Drogen untersagt werden, wenn feststeht, dass diese mit erheblichen Risiken für ihr Kind verbunden sind. (Ich übergehe die Frage, welcher Schwellwert für das Risiko gelten soll, und ebenso [141] die empirische Frage hinsichtlich der tatsächlichen Risiken illegaler Drogen. Damit kenne ich mich nicht aus). Doch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle schadet Drogenkonsum niemandem auf irgendeine relevante Art, d. h. auf eine Art, die wir normalerweise für strafwürdig erachten. Er sollte daher nicht verboten werden.
Zweitens könnte ein Verfechter des Verbots einwenden, beim Drogenkonsum handele es sich nicht um die Ausübung eines Rechts des Konsumenten über seinen eigenen Körper, weil der Betreffende sich nicht wirklich frei für den Drogenkonsum entscheide. Womöglich werden die Drogen nur aufgrund eines psychischen Zwangs konsumiert, weil diese einen sirenenartigen Reiz ausüben und die Wahrnehmung des Konsumenten verzerren, und er nicht bemerkt, wie schlimm Drogen sind, oder etwas in dieser Art. Die genaue Form dieses Einwandes spielt keine Rolle; jedenfalls gerät der Verbotsverfechter in eine Zwickmühle. Wenn Konsumenten sich nicht frei für den Gebrauch von Drogen entscheiden, dann ist es Unrecht, sie für den Konsum zu bestrafen. Denn wenn sich ein Konsument nicht frei entscheidet, dann ist er auch nicht moralisch für seine Entscheidung verantwortlich, und es ist Unrecht, jemanden für etwas zu bestrafen, für das er nicht verantwortlich ist. Doch wenn sich ein Konsument wirklich frei dafür entscheidet, Drogen zu nehmen, dann übt er mit dieser Entscheidung das Recht über seinen Körper aus.
Ich habe versucht, die besten Argumente zu finden, die Verbotsverfechter anbringen könnten, doch tatsächlich bleiben sie in dieser Frage bemerkenswert stumm. Wenn ein Land in den Krieg zieht, konzentriert es sich darauf, wie der Sieg zu erringen ist, und verschwendet kaum einen Gedanken auf die Rechte der Opfer im Feindesland. Gleichermaßen scheint eine Folge von Amerikas „Kriegserklärung“ an die Drogen darin zu liegen, dass die Verbotsverfechter die Rechte von Drogenkonsumenten nahezu völlig vernachlässigen. Die meisten übersehen das Problem oder erwähnen es kurz, nur um es dann ohne Begründung abzutun. Im Bestreben, die Befürworter einer Legalisierung in Verruf zu bringen, zeichnet das US-Bundesamt für Drogenpolitik folgende Karikatur:
Der lässige Zynismus, der sich um die Drogenfrage rankt, ist nicht zufällig entstanden. Ihn zu sähen, war das bewusste Ziel einer jahrzehntelangen Kampagne der Befürworter einer Legalisierung, Kritikern deren Mantra lautet „nichts funktioniert“ und deren zentrale Einsicht zu sein scheint, dass sie das Unaussprechliche nicht vorzuschlagen brauchen nämlich eine Welt, in der Drogen allgegenwärtig sind, und in der Konsum und Abhängigkeit durch die Decke schießen, solange sie sich nur hinter der nichtssagenden Verwaltungskritik verstecken, der Versuch, die Drogen in den Griff zu bekommen, „funktioniere“ nicht.
Dabei unterschlägt sie offensichtlich zentrale Fragen, die ich in diesem Aufsatz erörtert habe. Die Annahme scheint gerechtfertigt, dass diese Verbotsverfechter keine Rechtfertigung dafür vorlegen werden, woher der Staat sich das Recht nimmt, gewaltsam in die Entscheidung von Menschen in Bezug auf ihren eigenen Körper einzugreifen. [142]
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