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Amerikas ungerechter Krieg
gegen die Drogen

1 Schädigung der Konsumenten durch Drogen

Das erste Argument für ein Verbot besteht darin, man solle Drogen verbieten, weil deren Konsum für die Konsumenten selbst äußerst schädlich sei, und ein Verbot das Ausmaß des Drogenmissbrauchs eindämme. Dieses Argument unterstellt, es sei rechtmäßige Aufgabe der Regierung, Menschen daran zu hindern, sich selbst zu schaden. Die Argumentationskette lautet daher in etwa:
  1. Drogenkonsum ist für die Konsumenten sehr schädlich.
  2. Die Regierung soll den Menschen verbieten, etwas zu tun, das ihnen selbst schadet.
  3. Deshalb soll die Regierung Drogenkonsum verbieten.
Offensichtlich ist die zweite Prämisse für den Schluss wesentlich; wenn ich der Meinung wäre, Drogenkonsum sei sehr schädlich, aber nicht dass die Regierung Menschen verbieten solle, sich selbst zu schaden, dann wäre diese Schädlichkeit für mich kein Grund, Drogen zu verbieten. Außerdem ist Prämisse (2) ohne weitere Einschränkungen äußerst unplausibel. Betrachten wir einige Beispiele für schädliche Dinge, die sich Menschen selbst antun (bzw. solche mit einem Schadensrisiko): Sie rauchen Tabak, trinken Alkohol, essen zu viel, fahren Motorrad, haben ungeschützten Geschlechtsverkehr bzw. viele Geschlechtspartner, erhalten Beziehungen zu rücksichtslosen oder gewalttätigen Geliebten aufrecht, nehmen Dispokredite bis zum Limit auf, halten an einem Beruf ohne Zukunft fest, brechen die Schule ab, ziehen nach New-Jersey und sind grob zum eigenen Chef. Soll die Regierung all das verbieten? Die meisten von uns stimmen wohl überein, dass die Regierung nichts davon verbieten soll, geschweige denn all diese Dinge; und dies nicht bloß aus logistischen und praktischen Gründen sondern weil wir finden, dass diese Handlungen die Regierung nichts angehen.
Vielleicht stellen sich Verfechter des Verbots auf den Standpunkt, der Staat solle nicht alle Handlungen verbieten, die einem selber schaden, sondern nur diejenigen, welche einem selber auf eine bestimmte Weise schaden oder in einem bestimmten Ausmaß, oder die eine andere Besonderheit aufweisen. Es läge dann an den Verbotsverfechtern zu erklären, wie der Schaden des Drogenkonsums (für die Konsumenten) sich von anderen Schäden unterscheidet, welche man sich durch die oben erwähnten Handlungen selbst zufügt. Ziehen wir drei Möglichkeiten in Betracht:
  1. Ein Ansatz besteht darin, dass Drogenkonsum außer den Konsumenten noch weiteren Menschen schadet; wir werden auf diesen Schaden in Abschnitt 2↓ eingehen. Wenn mein Standpunkt zutrifft, dass weder der Schaden für die Konsumenten noch der Schaden für andere ein Verbot rechtfertigt, [135] dann erscheint es kaum plausibel, dass die beiden Schadensarten zusammengenommen ein Verbot rechtfertigen. Natürlich kann man der Meinung sein, dass eine bestimmte Gesamtschadenshöhe erreicht werden muss, ab der das Verbot einer Handlung gerechtfertigt werden kann, und dass der Schaden von Drogen für die Konsumenten und für andere zusammengenommen über dieser Schwelle liegt, wogegen dies eine einzelne Schadensart für sich alleine nicht vermag. Doch wenn – wie ich meine – weder das Schadensargument in Bezug auf Konsumenten noch das Schadensargument in Bezug auf andere greift, weil es nicht Aufgabe des Staates ist, Strafen zur Verhinderung der im Raum stehenden Schadensarten zu verhängen, dann bilden auch beide Schadensarten zusammengenommen kein überzeugendes Argument für ein Verbot.
  2. Ein zweiter Ansatz besteht in der Behauptung, Drogenkonsum sei allgemein schädlicher als die oben aufgeführten Handlungen. Doch es scheint keinen Grund zu geben, dies zu glauben. Nehmen wir die Todeszahlen als (zugegebenermaßen verengten) Maßstab für die Schädlichkeit. Das US-Bundesamt für Drogenpolitik (Office of National Drug Control Policy) behauptet, es gäbe 18.000 Drogentote pro Jahr in Amerika. Im Vergleich dazu verursacht Tabak geschätzte 440.000 Todesfälle pro Jahr. Selbstverständlich gibt es mehr Tabakraucher als Drogenkonsumenten, so dass wir jeweils durch die Zahl der Konsumenten teilen sollten: Tabak tötet pro Jahr 15 von 1.000 Konsumenten; illegale Drogen töten pro Jahr 2,6 von 1.000 Konsumenten. Dennoch will so gut wie niemand Tabak verbieten und Raucher ins Gefängnis stecken. Ähnlich verhält es sich mit Fettleibigkeit, welche womöglich 420.000 Todesfälle pro Jahr verursacht (durch verstärkt auftretende Herzprobleme, Schlaganfälle, usw.) bzw. 11 Todesfälle unter 1.000 Betroffenen. Mediziner schlagen wegen der zunehmend verbreiteten Fettleibigkeit Alarm, doch bislang will niemand Dicke in den Knast stecken.
    Andere Schäden des Drogenkonsums sind weniger greifbar – etwa eine allgemeine Einschränkung der Lebensqualität. Diese lassen sich schwer beziffern. Vergleichen wir dies jedoch mit dem Ausmaß des Schadens für den eigenen Lebensweg, den man durch solche Dinge anrichtet wie den Abbruch der Oberschule, die jahrelange Arbeit in einem Beruf ohne Zukunft oder durch die Heirat eines Mistkerls, welche alle dem eigenen Wohlergehen dauerhaft und massiv Abbruch tun können. Dennoch will niemand Schulabbrecher ins Gefängnis stecken oder Menschen, die in eine berufliche Sackgasse laufen oder eine unglückliche Ehe eingehen. Schon die Vorstellung erschiene lächerlich und als klare Überschreitung staatlicher Befugnisse.
  3. Ein weiterer Ansatz lautet, Drogenkonsum schade den Konsumenten in anderer Weise als die aufgeführten Handlungen. Welche Art Schäden verursachen nun Drogen? Zum einen können unerlaubte Drogen die Gesundheit der Konsumenten angreifen und sie in einigen Fällen in Lebensgefahr bringen. Aber auch viele andere Handlungen bergen Gesundheitsrisiken etwa der Genuss von Alkohol, Tabak oder fettigen Speisen sowie Geschlechtsverkehr und die Teilnahme am Straßenverkehr, doch so gut wie niemand glaubt, dass diese Handlungen unter Strafe gestellt werden sollten.
Zweitens können Drogen den menschlichen Bindungen eines Konsumenten schaden – insbesondere denen zu seiner Familie, seinen Freunden und Geliebten, und ihn daran hindern, [136] befriedigendere Bindungen aufzubauen. Mit anderen grob umzuspringen, kann das Gleiche bewirken, doch niemand glaubt, dass man für Grobheiten ins Gefängnis gehöre. Des Weiteren ist wohl sehr wenig plausibel, das jemand strafrechtlich verfolgt werden soll, weil er seine persönlichen Bindungen ruiniert. Ich verfüge zwar über keine allgemeine Theorie darüber, wofür Strafen verhängt werden sollen, doch betrachten wir die folgenden Beispiele: Angenommen ich beschlösse, mit meiner Freundin Schluss zu machen, die Verwandtschaft nicht mehr anzurufen und alle meine Freunde zu verstoßen. Ich täte dies ohne besonderen Grund nur aus einer Laune heraus. Dies würde meine persönlichen Beziehungen denkbar stark beschädigen. Soll nun die Polizei kommen, mich verhaften und ins Gefängnis stecken? Wenn nicht, wieso sollte sie mich dann für eine Tat verhaften, die lediglich ein Risiko birgt, einen ähnlichen Scherbenhaufen anzurichten? Folgendes politische Prinzip erscheint vernünftig: Wenn es falsch ist (da keine legitime Staatsaufgabe), Menschen dafür zu bestrafen, dass sie ein bestimmtes Ergebnis unmittelbar herbeiführen, dann ist es ebenso falsch, sie dafür zu bestrafen, dass sie eine andere Handlung vornehmen, welche ein Risiko birgt, dieses Ergebnis mittelbar herbeizuführen. Wenn der Staat mir nicht verbieten kann, meine menschlichen Bindungen direkt zu kappen, dann kann die Tatsache, dass mein Drogenkonsum dazu führen kann, dass diese Bindungen beschädigt werden, kein guter Grund sein, mir den Konsum von Drogen zu verbieten.
Drittens können Drogen einem Konsumenten finanziell schaden, dadurch dass sie Geld kosten, ihm ihretwegen gekündigt wird, oder er keine Stelle findet oder nicht befördert wird. Dasselbe Prinzip lässt sich auch hier anwenden: Wenn es einen Missbrauch staatlicher Gewalt darstellt, mir zu verbieten, derlei nachteilige finanzielle Folgen direkt herbeizuführen, dann stellt die Tatsache, dass Drogenkonsum diese indirekt herbeiführen könnte, sicherlich keinen guten Grund dar, Drogenkonsum zu verbieten. Angenommen ich beschließe einfach so, meine Stelle zu kündigen und meine gesamten Ersparnisse aus dem Fenster zu werfen. Soll dann die Polizei kommen, mich verhaften und ins Gefängnis stecken?
Viertens und letztens können Drogen die Moralvorstellungen des Konsumenten beschädigen, wie James Q. Wilson glaubt:
Wenn Sie mit mir glauben, dass die Abhängigkeit von bestimmten bewusstseinsverändernden Drogen ein sittliches Problem darstellt, und dass deren Verbot teilweise auf ihrer Unsittlichkeit beruht, dann untergräbt eine Legalisierung die sittliche Botschaft oder löscht sie sogar völlig aus. Jene Botschaft ist Grundlage der Ungleichbehandlung von Nikotin und Kokain. Beide machen stark abhängig, und beide schädigen den Körper. Doch wir behandeln die beiden Drogen nicht bloß deswegen unterschiedlich, weil Nikotin einen so breiten Absatz findet, dass es sich einem wirksamen Verbot entzieht, sondern weil [137] es Konsumenten nicht als menschliche Wesen zerstört. Tabak verkürzt das eigene Leben, Kokain entwertet es. Nikotin verändert die eigenen Gewohnheiten, Kokain verändert die eigene Seele. Der starke Konsum von Crack zersetzt im Unterschied zu starkem Tabakrauchen jenes natürliche Einfühlungsvermögen und Pflichtgefühl, welches unser menschliches Wesen ausmacht und gesellschaftliches Leben ermöglicht.
In diesem Passus behauptet Wilson, (a) Kokainkonsum sei unsittlich, (b) zerstöre die eigene Menschlichkeit, (c) verändere die eigene Seele und (d) zersetze Einfühlungsvermögen und Pflichtgefühl. Ein Problem an Wilsons Beweisführung liegt darin, dass Belege für die Behauptungen (a)-(d) fehlen. Bevor wir Leute für die Beschädigung ihrer Seele ins Gefängnis stecken, sollten wir objektive Belege dafür verlangen, dass ihre Seele tatsächlich Schaden nimmt. Bevor wir Leute für ihre Unsittlichkeit einsperren, sollten wir ein Argument verlangen, welches die Unmoral ihrer Handlung wirklich aufzeigt. Vielleicht laufen alle Vorwürfe der Unsittlichkeit und Beschädigung darauf hinaus, dass Drogenkonsumenten ihr Einfühlungsvermögen und Pflichtgefühl verlieren – also die Behauptungen (a)-(c) alle auf Behauptung (d) beruhen. Es ist plausibel, dass starker Drogenkonsum zum Verlust von Einfühlungsvermögen sowie Pflicht- und Verantwortungsgefühl führt. Ist dies ein guter Grund, Drogenkonsum zu verbieten?
Wieder scheint es so, dass man eine Handlung nicht deswegen verbieten sollte, weil sie womöglich indirekt bestimmte Folgen hat, es sei denn, ein Verbot, diese Folgen direkt herbeizuführen, wäre angemessen. Wäre es im Rahmen legitimer Staatsaufgaben angemessen, Menschen dafür zu bestrafen, dass sie unsympathisch und pflichtvergessen sind oder sich unsympathisch und pflichtvergessen verhalten? Angenommen Howard fühlt sich nicht in andere ein, obschon er kein Drogenkonsument ist. Wenn jemand Howard seine Probleme schildern will, fordert er ihn nur auf, mit Jammern aufzuhören. Freunde und Kollegen, die Howard um einen Gefallen bitten, weist er schroff zurück.
Außerdem ist Howard pflichtvergessen, auch wenn er anderen nicht auf eine Weise schadet, die gegen die gültigen Gesetze verstößt. Er bemüht sich nicht, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, und ist auch nicht Stolz auf seine Arbeit. Er spendet nichts für wohltätige Zwecke. Er versucht nicht, sich gesellschaftlich einzubringen. Howard ist ein durch und durch gemeiner und unangenehmer Zeitgenosse. Soll man ihn ins Gefängnis stecken?
Wenn nein, warum sollte man dann jemanden für eine Handlung ins Gefängnis stecken, die lediglich ein Risiko birgt, daraufhin wie Howard zu werden? Wenn es einen Missbrauch staatlicher Gewalt darstellt, Menschen dafür zu bestrafen, dass sie Mistkerle sind, dann ist die Tatsache, dass Drogenkonsum dazu führen kann, ein Mistkerl zu werden, kein guter Grund, Drogenkonsum zu verbieten. [138]
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